CfP: „Berichte(n) – Prozesse, Narrative und Funktionen einer administrativen Kleinform“, Berlin (11.01.2019)

Call for Papers für den Workshop „Berichte(n) – Prozesse, Narrative und Funktionen einer administrativen Kleinform“ | Humboldt-Universität zu Berlin

Deadline Abstract: 11. Januar 2019| Datum der Veranstaltung: 12. April 2019


Berichte(n) – Prozesse, Narrative und Funktionen einer administrativen Kleinform
Organisation: Anne MacKinney, Jasper Schagerl, Stephan Strunz
Veranstaltungsort: Humboldt-Universität zu Berlin
Datum: 12. April 2019
Bewerbungsschluss: 11. Januar 2019

Berichte nehmen in neuzeitlichen Justiz-, Verwaltungs- und Wissenschaftspraktiken einen privilegierten Platz ein. Mit der Einführung kollegialischer Verwaltungen und der Aktenmäßigkeit von Verfahren taucht der Bericht als kleine, narrative Form auf, die untergeordnete Behörden nutzen, um komplexe Informationen aufzuarbeiten und an übergeordnete Stellen zur Entscheidungsfindung zu übersenden. In diesem Workshop soll es dabei um die Frage gehen, wie Berichte juristische, administrative und wissenschaftliche Entscheidungs- und Erkenntnisprozesse beeinflussen und durch die zugrundeliegenden Selektionen, Verdichtungen und Formatierungen als steuerbare Wirklichkeiten konstituieren.

Im juristischen Bereich verlangte zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert das postalische Institut des Aktenversendungsverfahrens eine spezifische Technik der Sachverhaltsdarstellung. Wer in einem strittigen Fall ein Gutachten von einem Sachverständigen erhalten wollte, der musste den Prozessstoff zunächst zu einer ‚aktenmäßigen Relation‘ verdichten—eine Praxis die ab dem 17. Jahrhundert auch universitär vermittelt wurde und in Form von Handbüchern auf den Markt gelangte. Hier konnte man lernen, wie ein sachlicher und nüchterner, kurz: ein behördlicher Bericht zu verfassen ist, das heißt, wie ein Ereignis in eine juristisch relevante Sprache und damit in eine bearbeitbare Form transformiert wird.

Aber auch für das Verwaltungswissen spielt der Bericht eine zentrale Rolle. Im Prozess der Staatenbildung dienten (Landes-)Visitationen der systematischen Erhebung von Informationen über die Bevölkerung und die Beschaffenheit des Territoriums. Gleiches gilt für die Kolonialverwaltungen, die zur Regierung, Erfassung und Kontrolle ihrer Subjekte auf ein engmaschiges Berichtsnetz angewiesen waren (Goody 1986). Zum Zweck der Informationsverarbeitung bedurfte die Datenerhebung in Form von Listen, Karten, Tabellen und Ortsbeschreibungen als Korrelat der Wissensform des Berichts, die ein bestimmtes Wissen unter Verwendung eines bürokratisch-objektiven Stils sicher von einer Sphäre der Zirkulation in eine andere übermittelte. Untergeordnete Behörden gewannen durch das an sie delegierte Berichtswesen enorm an Macht: durch die Art und Weise wie berichtet wurde, erhielten sie einen nicht unbedeutenden Einfluss auf die übergeordneten Entscheidungsinstanzen (Haas 2005). Berichte verbanden damit Handlungsfelder und sind deshalb aus einer „Geschichte des wissenden Handelns in der Selbststeuerung von Gemeinwesen“ (Geisthövel/Hess 2017) nicht wegzudenken.

Nicht nur zur Wissensgewinnung und -vermittlung über das eigene Land und die eigene Bevölkerung diente der Bericht, sondern auch zum Kennenlernen fremder Länder und Menschen. Die im späten 16. Jahrhundert entstehende Gattung der Apodemik—die Kunstlehre vom richtigen Reisen—zielte darauf, die Form zu bestimmen, in der die gemachten Erfahrungen und Sinneseindrücke des Reisenden festzuhalten, zu ordnen und wahrheitsgetreu wiederzugeben waren. Neben der Selbstvervollkommnung des Reisenden sollte das disziplinierte Berichten gleichzeitig dem Herkunftsstaat nützen, indem der Bericht das Nachahmenswerte in den politischen Strukturen ausländischer Gesellschaften beziehungsweise Informationen zu den materiellen Ressourcen, demographischen und kulturellen Gegebenheiten anderer Länder geordnet aufbereitete. Mit dem Aufkommen staatlich finanzierter wissenschaftlicher Forschungsreisen gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde der möglichst allumfassenden Wissensanspruchs des apodemischen Berichts zunehmend in fachlich spezialisierte Bahnen gelenkt (Stagl 2002). Während der Bericht einerseits zur Kommunikation von Forschungsergebnissen innerhalb von Fachkreisen diente, kam ihm andererseits angesichts des zunehmenden staatlichen Eingreifens in wissenschaftlich-akademische Infrastrukturen eine wichtige Funktion in der Lenkung öffentlicher Ressourcenverteilung zu.

Folgende Fragestellungen wollen wir in den Blick nehmen:

  • Zunächst wollen wir nach dem Spannungsverhältnis zwischen dem Bericht und dem Berichteten fragen. Welche Ökonomisierungsstrategien kommen etwa bei der Transformation von komplexen Vorgängen in die Form des Berichts zum Einsatz? Nach welchen Kriterien wird das für den Bericht Relevante ausgewählt? Welche Papiertechniken werden dabei verwendet? Und wie werden Daten, die zum Beispiel in tabellarischer Form vorliegen, in die Berichts-Form integriert, wie also wird Information aufgearbeitet? Aber auch: wie werden kleine Vorkommnisse narrativ entfaltet und ausgebreitet, etwa indem sie mit größeren Zusammenhängen in Verbindung gebracht werden oder indem die situativen Umstände Einzug in den Bericht erhalten? Wie ließe sich das Verhältnis von Komplexitätsreduktion und Komplexitätssteigerung beschreiben?
  • Als Ergebnis von Selektions-, Ökonomisierungs- und Reduzierungsverfahren lässt sich der Bericht als ‚kleine Form‘ beschreiben. Gleichzeitig bestehen komplexe Verhältnisse zwischen dem Bericht und anderen kleinen Formen, wie etwa Listen, Tabellen, Urkunden, Siegeln, Protokollen, Notizen etc. Diese diversen Formen kann der Bericht in sich aufnehmen und besticht deshalb durch seinen kompositiven Charakter. Er kann aber, anstatt sie zu integrieren, auf andere kleine Formen verweisen und hat damit auch einen referentiellen Charakter. Deshalb wollen wir zweitens die genauen Verhältnisse zwischen der Form des Berichts und anderen kleinen Formen erkunden, sowie die Funktionen, die anderen Formen und Textsorten zukommen.
  • Eine dritte Frage betrifft die Narrativität und Rhetorik des Berichtens. Wie wird Objektivität erzeugt? Wie soll (übergeordnete) Entscheidungsfindung beeinflusst werden und wo werden die Vorgaben eines nüchternen bürokratischen Stils gesprengt? Wie ist das Verhältnis von Erzählen, Beschreiben und Zählen zu einander zu fassen? Und wie äußert sich die spezifische Zeitlichkeit des Berichts, welche Strategien der Dynamisierung kommen zum Einsatz?
  • Schließlich geht es uns um die Normierung und Thematisierung des Berichtens: In welchen Formaten lernt man zu berichten? Gibt es darüber hinaus (literarische) Thematisierungen und Kritik des administrativen Berichtens? Falls ja, wie stehen sie im Verhältnis zur apodemischen Thematisierung/Kritik der Gattung des Reiseberichts? Gibt es gar Poetiken des Berichts?

Der eintägige Workshop wird am 12. April 2019 an der Humboldt Universität zu Berlin stattfinden. Besonders freuen wir uns über Beiträge, die sich mit konkreten (archivalischen) Quellen aus den Bereichen Justiz, Verwaltung und Wissenschaft befassen und diese in ihrem Vortrag anschaulich beleuchten. Es geht uns also weniger um literarische Gattungen, wie etwa die Reiseberichtsliteratur, als um Gebrauchstexte, die administratives Handeln steuern oder wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn leiten. Im Rahmen des Workshops wollen wir mit den Teilnehmenden gemeinsam einen Input-Text besprechen.

Wir bitten Vortragsvorschläge (ca. 300 Wörter) und Kurzviten bis zum 11. Januar 2019 als .pdf-Datei an lit.workshop-berichte@hu-berlin.de zu senden. Die Workshopsprache ist Deutsch; Präsentationen können ggf. auch auf Englisch vorgetragen werden.

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