CfP: „Szenen aus dem Coupé und Studien vor den Schienen: Raum-zeitliche Figurationen der Eisenbahn im 19. Jahrhundert“, Saarbrücken (15.07.2018)

Call for Papers für das Panel „Szenen aus dem Coupé und Studien vor den Schienen: Raum-zeitliche Figurationen der Eisenbahn im 19. Jahrhundert“ des Germanistentags 2019 | Saarbrücken

Deadline Abstract: 15. Juli 2018 | Datum der Veranstaltung: 2019

Kaum eine andere Erfindung hat die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts in ihrer Erfahrung von Raum und Zeit so beeinflusst wie die Eisenbahn: „Maschinenherrschaft ist Zeitherrschaft“ (Hädecke 1993: 183). Die zunächst als Erschütterung der Zeit empfundene technische Neuerung wird schnell zu einer alltäglichen Erfahrung, wie beispielsweise Texte des Realismus und des Naturalismus zeigen (vgl. Mahr 1982; Heinimann 1992; Borscheid 2004). Dezidiert thematische Bezugnahmen lassen eine neue Raumwahrnehmung erkennen und führen zur Ausbildung literaturspezifischer Topoi wie Coupé- oder Bahnhofszenen: „Ich hatte mich in die Kissen meiner Wagenecke zurückgelehnt und blickte halbgeschlossenen Auges in die Nacht hinaus“, heißt es bei Raabe in „Die Kinder von Finkenrode“ (1858). Und Effi Briest ist beim Anblick eines vorbeifahrenden Schnellzuges „so erregt, daß sie nichts sah und nur dem letzten Wagen […] ganz wie benommen nachblickte.“ Narrative Strukturierungen des Blickes etablieren sich, die Geschwindigkeit und Sichtverhältnisse in Beziehung setzen. Blicke werden gerahmt, imitieren das Panorama der Zugfahrt oder, wie bei Fontanes Text, die Fluchtlinien des Schienennetzes. Literarische Thematisierungen der Eisenbahn zeigen zudem eine veränderte Zeitwahrnehmung: Zeit wird als beschleunigt empfunden (vgl. Rosa 2005, 2013), sie dehnt sich aus der Perspektive des ruhenden Reisenden und erfährt schließlich Reglementierung und Taktung. In Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ (1888) gleicht die Eisenbahn so einem wiederkehrenden Beben der Zeit: „[D]ie Erde zitterte – ein starker Luftdruck – eine Wolke von Staub, Dampf und Qualm, und das schwarze, schnaubende Ungestüm war vorüber.“

Das Panel setzt den Fokus auf Texte des Realismus und Naturalismus und geht dem Zusammenspiel von literarischen Figurationen der Eisenbahn und neuen Raum- und Zeitwahrnehmungen anhand folgender Fragen nach:

  • Sind in der Verknüpfung von Eisenbahn-Motiv und raum-zeitlichen Figurationen in literarischen Texten des Realismus und Naturalismus Entwicklungslinien erkennbar?
  • Wie sind veränderte Wahrnehmungsweisen in den zeitgenössischen poetologischen Debatten zu verordnen?
  • Welche Anknüpfungspunkte an neuere Forschungsbereiche wie z.B. Ästhetische Eigenzeiten, Beschleunigung, Raum-Zeit-Regimes bieten die fokussierten Texte?

Weitere Informationen: H-Germanistik

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Calls for Papers, Veranstaltungen abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.