CfP: „Sich einrichten. Zur Poetik und Semiotik des Wohnens seit 1850“, Lausanne (30.04.2018)

Call for Papers für die Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Kulturtheorie und Semiotik (SGKS) mit dem Thema „Sich einrichten. Zur Poetik und Semiotik des Wohnens seit 1850“ | Universität Lausanne

Deadline Abstract: 30. April 2018 | Datum der Veranstaltung: 11.-13. April 2019

„Wohnen heißt Spuren hinterlassen. Im Interieur werden sie betont.“ Dieser ebenso pointierte wie folgenreiche Befund Walter Benjamins bildet den Ausgangspunkt für die geplante Tagung. Er weist erstens darauf hin, dass es sich beim Wohnen um eine anthropologische Aktivität handelt, die an eine räumliche Umgebung („Interieur“) ebenso gebunden ist wie sie diese allererst herstellt. Er besagt zweitens, dass Wohnen über eine Produktivität verfügt, welche Zeichen („Spuren“) hinterlässt und damit Bedeutungen herstellt, die ihrerseits gelesen werden können und gelesen werden sollen. Der Wohnraum fungiert als Artefakt, das von seinen Produzenten (Architekten, Designern, Bewohnern) und von deren Interessen angeleitet, gestaltet und gebraucht wird und so nonverbale Informationen über die genannten Akteure und ihren kulturgeschichtlichen Kontext akkumuliert. Das wiederum impliziert drittens, dass es sich beim Wohnen um keine unmittelbar wahrnehmbare Tätigkeit handelt, sondern um ein ebenso unscharfes wie historisch und lokal wandelbares Bündel von Tätigkeiten und Verrichtungen, das sich nur mittelbar, über seine Gestaltung und Ablagerungen, seine Bilder, Narrative und Reflexionen erschließen lässt. Das Wohnen konstituiert viertens eine räumlich praktizierte und kulturell überformte Differenz von Inklusion und Exklusion, Innen und Außen, wenn bestimmte Dinge, Personen und Aktionen in die Wohnräume eingelassen werden und andere nicht.

Diese poetische wie semiotische Produktivität steht im Mittelpunkt unseres Interesses. Dabei gehen wir davon aus, dass eine solche Poetik und Semiotik des Wohnens im Verlauf des „wohnsüchtigen“ (W. Benjamin) 19. Jahrhunderts zunehmend virulent wird und sich schließlich zum Gemeinplatz verfestigt. Historisch realisiert sich darin, so unsere These, der bis heute andauernde Versuch, zunächst die mit dem traditionellen oikos bzw. dem ‚ganzen Haus‘ verbundenen Lebensformen zu verabschieden und sich alsdann in einer technifizierten, industrialisierten und urbanisierten Moderne einzurichten. Dies betrifft sowohl das eigene Selbst als auch die Privaträume, in denen sich dieses einrichtet, wobei die Ausgestaltung des Wohnraums die psychosoziale Einstellung seiner Bewohner und also auch deren Individualität sichtbar macht. Dem auf diese Weise emotionalisierten und individualisierten Verhältnis der Menschen zu ihrer dezidiert „eigenen“ Behausung trägt das stets nur unzureichend bestimmbare Verb wohnen Rechnung, indem es eine neue und nachhaltige Weise der Bindung signalisiert, bei der am Ende selbst zu gemieteten oder gar besetzten Wohnungen ein buchstäblich eigentümliches Verhältnis entsteht. Das Einrichten einer Wohnung ist dabei mehr und mehr gleichbedeutend mit der reflexiven Variante des Verbs, dem Sich einrichten, geworden. Wohnen wird so zum Bestandteil der Arbeit am eigenen Selbst wie zum kulturellen Imperativ, dem man sich durch alternative bzw. passagere Wohn- und Lebensformen aber auch entziehen kann. Das heißt, man kann es wenigstens versuchen, denn auf der anderen Seite vermag die alte Idee vom Wohnen im (ganzen) Haus noch die anti-bürgerlichsten Wohnformen der Moderne einzuholen. Von den Licht- und Lufthütten des Schweizer Naturheilarztes A. Rikli zu Heinrich Tessenows Patenthaus aus industriell vorgefertigten Elementen führt eine direkte Linie, und Le Corbusiers „Système Domino“ und seine „Maison Voisin“ erfüllen die kühnsten Kinderträume beim Hantieren mit dem Ankerbaukasten. Die Idee geistert auch dort noch herum, wo sich die „transzendental Obdachlosen“ nach der kulturellen Katastrophe des Ersten Weltkriegs in kühner Verzweiflung außer Haus einrichten: im Hotel etwa, das S. Kracauer in seiner Studie über den Detektiv-Roman (1924) zum sozialen Topos einer durchrationalisierten Moderne erklärt und dem J. Roth im Roman Hotel Savoy (1924) seine nostalgische Tragik erstattet; oder in der periurbanen Gartenkolonie depossedierter Arbeiter, die B. Brechts Drehbuch als Schauplatz für S. Dudows proletarischen Propagandafilm Kuhle Wampe (1932) wählt; und selbst in der „Villa nomade“ bzw. der „Roulotte automobile“ eines R. Roussel, die dem französischen Surrealisten ein ganz neues Schreiben ermöglichen sollte, welches dann aber doch nur im guten alten Schreibzimmer vonstattengehen wollte.

Vor diesem Hintergrund lassen sich u. a. die folgenden Themenfelder und Problemkonstellationen rund um das Wohnen als Kulturtechnik und Zeichenpraxis genauer in den Blick nehmen:

  • die Funktion des von W. H. Riehl in seinem Bestseller Die Familie (1854) beschworenen „ganzen Hauses“ zwischen Affirmation und Distanzierung (etwa in der Literatur des Realismus oder der Klassischen Moderne);
  • Strategien und Verfahren des „Sich einrichtens“ in einer dynamisierten Moderne als Gestaltung und Adaption von Wohnräumen (Mobiliar, Interieur etc.);
  • die Rolle der Medien innerhalb des Privatraums (von Zeitungen und Büchern über das Telefon und den Rundfunkempfänger bis zum Computer) und ihr Einfluss auf spezifisch moderne Wohnverhältnisse;
  • die Vermittlung idealer Vorbilder zum Schöner Wohnen (und ihrer Gegenbeispiele) in Massenmedien wie Inneneinrichtungs-Magazinen, Publikumsausstellungen, Möbelhaus-Katalogen, Warenhausauslagen, Schaufenstern etc.;
  • Formen und Funktionen des Wohnens in der Literatur und den Bildenden Künsten als Teil bürgerlicher Subjektkultur und / oder westlicher belief systems;
  • symbolische und psychologische Dimensionen von Architektur und Architekturtheorie (seit Heinrich Wölfflins Prolegomena zu einer Psychologie der Architektur, 1886) und deren Effekt auf Einrichtungspraktiken und Interpretationsreflexe des Wohnens;
  • die Ausgestaltung und Rolle experimenteller bzw. ephemerer Wohn- und Lebensformen und ihrer Inszenierung im Kontext imaginärer Wohnformen (bürgerliches vs. antibürgerliches Wohnen) und realer Wohnungsprobleme (Wohnungsnot);
  • das Verhältnis von Innen und Außen in den einschlägigen Diskursen der jeweiligen Zeit: Was gilt als Fremdkörper, gegenüber denen man sich abzuschotten hat, was wird von außen in die Wohnungen hineingetragen, was möglichst draußen gelassen oder in den Keller, auf den Dachboden, in die Garage usw. ausgelagert?
  • Wohnen als ein Phänomen, das gleichermaßen vom ontologischen Bemühen um eine Verortung von Kultur wie von einer konstruktivistischen Kultur der Raumbildung geprägt ist;
  • Wissens- und Machtpraktiken, mit denen moderne Individuen in ihrer Selbstwahrnehmung wie in ihren institutionalisierten Formen des alltagspraktischen sozialen Austauschs untereinander als wohnende Wesen hervorgebracht werden.

Bitte senden Sie Ihren Themenvorschlag zusammen mit einem Abstract (max. 1 Seite) bis zum 30.4. an beide Veranstalter: Prof. Dr. Thomas Wegmann (Universität Innsbruck), thomas.wegmann@uibk.ac.at, und Prof. Dr. Hans-Georg von Arburg (Universität Lausanne),  hg.vonarburg@unil.ch

via H-Germanistik

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