CfP: „Wie (nicht) lesen? Leseszenen von der Moderne bis in die Gegenwart“, Wien (28.02.2018)

Call for Papers für die internationale Konferenz „Wie (nicht) lesen? Leseszenen von der Moderne bis in die Gegenwart“ | Literaturhaus Wien, Seidengasse 13, A-1070 Wien

Deadline Abstract: 28. Februar 2018 | Annahmebestätigung: Anfang März 2018
Datum der Veranstaltung: 03.-05. Mai 2018

Wie (nicht) lesen? Leseszenen von der Moderne bis in die Gegenwart

Internationale Konferenz an der Universität Wien (in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Wien), 3.– 5. Mai 2018

Im zweiten Abschnitt ihrer Vorlesungsreihe Vom Leben der Hamster in Schuhschachteln (2002) erzählt Marlene Streeruwitz ihre eigene Lesebiographie, indem sie den Topos des lesenden Mädchens heraufbeschwört, wie ihn etwa die Gemälde des 19. Jahrhunderts von Corinth bis Renoir prominent im kulturellen Gedächtnis des Abendlandes verankert haben:

Ich war 12 Jahre alt. Ich las Weltliteratur. Wie das so schön hieß: Weltliteratur. Das war das 19. Jahrhundert. Ich las mich durch den Kanon durch. […] Hausfrauen und Mütter kamen im Text nicht vor. Dementsprechend bot sich hier kein Identitätsmuster an. […] Ich wurde also zu einem erlesenen jungen Bildungsmann. Ein Zwitter zwischen Bildungsperson und Körper. (Streeruwitz 2004, S. 31)

Die hochästhetisierte Darstellung der jungen Leserin entpuppt sich vor diesem Hintergrund als eindimensionales Bild aus den Archiven der (männlichen) Deutungsmacht, und die Lektüre kanonisierter Werke wird zur dominanten Kulturtechnik. Durch einen Prozess der „Mimikry“ (ebd.) verwandelt sich die Lesende sukzessive in einen Lesemann, wie es bereits Ruth Klüger in ihrem Essayband Frauen lesen anders (1996) polemisch an Beispielen wie Shakespeare, Stifter oder Schnitzler aufzeigt.

Angesichts dieses geistesgeschichtlichen Brückenschlags vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart soll in Anlehnung an Derridas Lese-Spiel der Differänz [Différance] nach den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des (Nicht)-Lesens gefragt werden: In welcher Weise werden die Lektüre und das Lesen in Form von Leseszenen – auch metapoetisch – in literarischen Texten zum Gegenstand des darstellerischen Interesses? Lassen sich Unterschiede zwischen den Verfahren der einzelnen Gattungen aufzeigen? Und wie verhält es sich mit dem Zusammenhang von Lesen, Schreiben und Denken, über den sich Schopenhauer bereits 1851 mokiert, indem er die provokante Frage stellt, ob nicht überhaupt während des Lesens „ein Anderer für uns [denkt]“. Das Verhältnis von Eigenem und Fremdem spielt auch in jenen Schlüsselpassagen eine entscheidende Rolle, in denen die Lektüre selbst Eingang in den schriftstellerischen Produktionsprozess findet; auf diese Weise entstehen metapoetische Leseszenen, beispielsweise in Werken von Jean Paul, E.T.A. Hoffmann, aber auch Botho Strauß, Peter Handke, Herta Müller oder Friedericke Mayröcker. Wobei ebenso der entgegengesetzte Fall denkbar ist: Das Lesen hemmt das Schreiben oder lenkt den oder die Schreibende(n) zur Gänze davon ab, wie Proust es in Sur la lecture [Tage des Lesens] (1906) schildert.

Grundsätzlich soll es daher weniger um eine Untersuchung des Phänomens des Lesen im Sinne von Lesegewohnheiten und Lesepraktiken gehen, zu dem die Handbücher Lesen von 1973, 1999 und 2015 bereits einen umfassenden Abriss geben, als vielmehr (1) um die Reflexion des Lesens als Kulturtechnik im literarischen Text, wie sie grundlegend von Günther Stocker untersucht wurde (Stocker, Vom Bücherlesen. Zur Darstellung des Lesens in der deutschsprachigen Literatur seit 1945, 2007) sowie (2) um ästhetische bzw. ikonographische Leseszenen – in Analogie zur Schreibszene – und damit verbunden um den ersten umfassenden Entwurf einer (Literatur-)Geschichte der Leseszene.

Ziel der Tagung ist es, diese und ähnliche Fragestellungen aus literatur- sowie kulturgeschichtlicher Perspektive zu untersuchen und an die Analyse literarischer sowie poetologischer Texte von der Moderne bis in die Gegenwart heranzuführen. Neben einer kleinen Literaturgeschichte der Leseszene sollen wissenschaftliche bzw. poetologische Definitionsversuche der Denkfigur der Leseszene ausgearbeitet werden. AutorInnen und WissenschaftlerInnen, aber auch VerlegerInnen, LektorInnen, KritikerInnen und BuchhändlerInnen sollen zu Wort kommen bei dem Versuch, die Bedeutung von Konzepten des Lesens sowie die Frage ‚wie (nicht) lesen?‘ zu eruieren.

Vorschläge für Beiträge müssen sich nicht explizit oder systematisch auf die genannten Theorien beziehen, sollten jedoch möglichst einen der folgenden Themenschwerpunkte reflektieren:

Ikonographien und Denkfiguren des Lesens: Welche beispielhaften Leseszenen bzw. literarischen Darstellungen des Lesens von der Moderne bis in die Gegenwart lassen sich finden? Wie ließe sich so etwas wie eine Literaturgeschichte der Leseszene denken? Welche Funktionen können Leseszenen in literarischen Texten erfüllen? Wie unterscheiden sich romantische, moderne und postmoderne Leseszenen voneinander, und anhand welcher Aspekte lässt sich eine literaturgeschichtliche Entwicklung von Leseszenen ausmachen?

Poetiken und Manuale des Lesens: Welche poetologischen Reflexionen lassen sich mit Blick auf das Verhältnis von Schreiben und Lesen anstellen? In welcher Art und Weise werden die Lektüre und das Lesen Teil der schriftstellerischen Arbeit? Was lässt sich diesbezüglich über die unterschiedlichen Gattungsformen sagen? Weshalb werden insbesondere literarische Leseszenen (häufig verbunden mit Schreibszenen) zu metareflexiven Knotenpunkten, die produktionsästhetische Prozesse simulieren bzw. stimulieren?

Lesende Mädchen und Lesemänner: Auf welche Weise lässt sich das Lesen im Spannungsfeld der Geschlechter verorten? Welche genderspezifischen Perspektiven auf die Entwürfe von Leserinnen und Leser lassen sich benennen, und wie steht es um den Gemeinplatz der „gefährlichen Leserin“ (Bollmann 2005)? Wie verhält sich dieser zu den paradigmatischen ‚gefährdeten Leserinnen‘ der Literaturgeschichte in Nachfolge von Emma Bovary? Und inwiefern nimmt die Lektüre durch ihr Verhältnis zwischen Bildungsperson und Körper Einfluss auf den Leib der bzw. des Lesenden?

Lesen als (Liebes-)Akt: Welches verführerische bzw. erotische Potential ist dem Akt des Lesens zu eigen? Kann das Lesen unser Begehren nicht nur beeinflussen, sondern es möglicherweise sogar ganz für sich vereinnahmen? Warum entwerfen SchriftstellerInnen überhaupt LeserInnen, und können diese zum Gegenüber (bis hin zum erotischen Gegenüber) werden wie beispielsweise in den Texten von Jean Paul?

Eine Publikation ausgewählter wissenschaftlicher Konferenzbeiträge sowie poetologischer Texte ist geplant. Unterbringungs- sowie Reisekosten werden nicht übernommen. Es wird keine Tagungsgebühr  erhoben.

Das Abstract (maximal 500 Wörter) ist mitsamt eines kurzen Lebenslaufs (max. 1 Seite) bis 28. Februar 2018 zu richten an: irina.hron@tyska.su.se, jadwiga.kita-huber@uj.edu.pl sowie s.schulte@germlit.rwth-aachen.de

Die BewerberInnen werden Anfang März darüber informiert, ob ihr Abstract angenommen wurde.

Organisatorinnen:

Univ.-Prof. Mag. Dr. Konstanze Fliedl (Wien)
Dr. Irina Hron (Stockholm)
Dr. habil. Jadwiga Kita-Huber (Krakau)
Dr. Sanna Schulte (Aachen)

Datum: 3.-5.5.2018
Tagungssprache: Deutsch (Vorträge auf Englisch sind jedoch ebenfalls willkommen)
Deadline: 28.02.2018
Veranstaltungsort:
Literaturhaus Wien
Seidengasse 13
A-1070 Wien

via H-Germanistik

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