CfP: „S·t·o·t·t·e·r·n. Ästhetik – Ökonomie – Funktionalität“, Frankfurt am Main (15.05.2017)

Call for Papers für die Nachwuchskonferenz „S·t·o·t·t·e·r·n. Ästhetik – Ökonomie – Funktionalität“ | Goethe-Universität Frankfurt am Main

Deadline Abstract: 15. Mai 2017 | Datum der Veranstaltung: 13.-15. Oktober 2017

Interdisziplinäre Nachwuchstagung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main (13.10.-15.10.2017)

Alles stottert; der schüchterne Junge in der letzten Reihe ebenso wie die Familie mit dem neu gebauten Eigenheim; der eine rum, die andere ab. Ob Sprachstörung oder Schulden – mehrheitlich gilt Stottern als etwas Defizitäres, etwas zu Überwindendes. Dabei stellt sich die Frage, ob man sich dem Phänomen heutzutage entziehen kann oder überhaupt entziehen muss. In einer schnelllebigen Leistungsgesellschaft mag das Stottern keinen Platz haben, time is money, es gilt auf den Punkt zu kommen, zum Punkt zu kommen, zu Rande. Aber wie verhält es sich in einem Bereich, welcher sich dem Verdikt der Selbstoptimierung und des Produktivitätsdranges immer wieder zu entziehen versucht? Anders gefragt: Ließe sich künstliches/künstlerisches Stottern als eine Funktion beschreiben, die sich keineswegs defizitär verhält, sondern durch ihre spezifische Zeitlichkeit vielmehr ein Surplus generiert?

Exemplarisch hierfür könnte das Gedicht Passionément des rumänischen Autors Ghérasim Luca stehen, das seine wohl prominenteste Interpretation durch Gilles Deleuze erfahren hat. Das Gedicht, das durch fortwährende Variationen bestimmter Laute punktuell immer neue Semantiken produziert,[1] sei „deshalb so außerordentlich dichterisch“, da es „aus dem Stottern einen Affekt der Sprache und nicht eine Affektion des Sprechens“[2] gemacht habe. In jüngster Zeit widmete sich die österreichische Schriftstellerin Kathrin Röggla dem Phänomen „als ästhetische und mediale Schrift“, freilich im Bewusstsein, „wie schwierig diese Referenz auf eine menschliche Devianz von ihrer Pathologisierung zu trennen ist.“[3]

Pionierarbeit auf diesem Feld leistete im deutschsprachigen Raum der heute als Rehabilitationspädagoge lehrende Jürgen Benecken, dessen Dissertation erstmals einen Blick auf die mediale Verbreitung des Phänomens auch abseits der Literatur gewährte. Zu seinen filmischen Beispielen gehören neben Figuren wie Ken Pile aus Charles Crichtons A Fish Called Wanda oder Billy Bibbit aus Miloš Formans One Flew Over The Cuckoo’s Nest auch Hajo Scholz aus der WDR Fernsehserie Lindenstraße. Aus einer anderen Perspektive widmete sich der Anglist Steven Connor dem Phänomen, indem er Stottern als eine sprachliche Funktion „beyond words“[4] neben Brummen oder Seufzen analysiert. Doch ist eine solche Reihung überhaupt legitim oder wohnt dem Stottern nicht auch immer ein Moment der Unentschiedenheit zwischen verbaler und nonverbaler Kommunikation inne? So könnte man (gegen Röggla) auch nach der Rolle des Stotterns in der Musik fragen: Wie wird das Phänomen musikalisch inszeniert oder künstlerisch produktiv dynamisiert, etwa bei Pink Floyd, Devo, Scatman John, oder auch Karlheinz Stockhausen oder Steve Reich?

Dass es sich bei ‚stotternder Kunst‘ und der (literarischen) Reflexion ihrer Funktionalität sowie des Wechselspiels von Stottern und Rhetorik keineswegs um ein genuin modernes Phänomen handelt, lässt sich rasch demonstrieren: So lurgt[5] der Protagonist Bertschi Triefnas im kurz nach 1400 datierten Ring Heinrich Wittenwilers[6] ebenso wie der wohl berühmteste griechische Redner Demosthenes, dessen Bemühungen um Heilung bis heute bekannt sind – und bereits Moses klagte über „eine schwere Sprache und eine schwere Zunge“[Ex 4,10], weshalb er zumeist seinem Bruder Aaron das Sprechen zum Volk überließ. Gleichermaßen lassen sich jedoch auch weniger dysfunktionale Beispiele anführen, wie das Stottern des Kaisers Claudius, das diesen vor politischen Säuberungen seiner Vorgänger bewahrte, oder das oftmals anzutreffende religiös-ehrfürchtige Stammeln, das als Reaktion auf die sprachliche Inkonsummerabilität des Heiligen gedeutet werden kann und noch heute aus Koketterie im so genannten „Oxford Stutter“ fortlebt.

Während sich Logopädie und Psychologie der willensunabhängigen, situativ auftretenden Rede-flussstörung umfassend angenommen haben, sind ästhetisch-poetologische sowie kulturhistorische Zugänge bislang weitgehend Desiderat geblieben. Dieser Aufgabe widmet sich die interdisziplinäre Nachwuchstagung S·t·o·t·t·e·r·n, die vom 13.10. bis 15.10.2017 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt stattfinden wird. In ihrem Fokus soll zum einen die Arbeit am Begriff sowie seiner Operationalisierbarkeit und Kontextualisierung stehen, zum anderen gilt es abseits der Devianzfrage, die Möglichkeiten ästhetischer Konzeptionalisierung des Stotterns multiperspektivisch in einer Zusammenschau verschiedener Disziplinen zu sondieren. Potentielle, sich freilich weiträumig überschneidende Fragehorizonte lassen sich wie folgt skizzieren:

Ästhetik
Welche künstlerischen Modi sind denk- und beobachtbar, in denen die zeitliche Struktur des Stotterns, insbesondere das Verhältnis von Pause- und Wiederholung, neue Aussagemöglichkeiten schafft (Stichwort Sekundenstil)? Inwiefern lässt sich eine mögliche Unterscheidung vom Stottern der Sprache und stotternder Sprache produktiv umsetzen und wie sind in diesem Kontext die Relationen verschiedener Sprachen (langues) zu beschreiben,[7] wie das Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit? Welche Eigenlogiken zeichnen sich an exemplarischen Werken ab, die (semantisch/syntaktisch/medial/etc.) stotternd Sinn generieren oder erschüttern?

Ökonomie
Wie ist der Zusammenhang von Stottern und ökonomisch-normativen Zwängen, bzw. Regularien zu denken? Welche Sinnangebote macht die metaphorische Rede vom Stottern einer Maschine oder dem Abstottern eines Kredits im Hinblick auf soziale/ökonomische Ordnungen und sprachphilosophische oder poetologische Reflexion? Kann womöglich die Ästhetisierung des Stotterns als Gegendiskurs und (in zweifachem Sinne ‚unaussprechliche‘) Kritik am fließenden Modus (Geldfluss, Rhetorik/Redefluss, etc.) beschrieben werden? Auf welche Weise subvertiert Stottern in einem ständigen Wechselspiel von zu-viel und zu-wenig Postulate der Eindeutig-, ja Einsinnigkeit und wendet sich damit gegen implizite Strukturen der Effizienzsteigerung?

Funktionalisierung
Inwiefern lässt sich Stottern von scheinbar wesensähnlichen Phänomenen wie dem Stammeln oder Brummen differenzieren? Auf welche Weise kann man Phänomene intentionalen Stotterns, sofern dieses überhaupt noch als Stottern zu begreifen ist, und deren Übertragung fassen? Lassen sich Diskurse beschreiben, in denen Stottern taktisch gewinnbringend (wie in ökonomischer Reinform etwa bei Balzacs altem Grandet) eingesetzt werden kann (oder sogar ein dem alltäglichen Usus entgegengesetzter Zwang zum Stottern herrscht?

Wir freuen uns über Vorschläge für Einzelvorträge (à 20 min), Panel (à 90 min) oder Workshopformate aus allen geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Die Abstracts sollten beim Einzelvortrag die Länge von 500 Wörtern, bzw. beim Panel oder Workshop 1500 Wörtern nicht überschreiten und sind zusammen mit einem kurzen akademischen Lebenslauf bis zum 15.05.2017 an Victoria Pluschke (Pluschke@em.uni-frankfurt.de) und Maximilian Wick (Maximilian.Wick@lmu.de) zu senden.

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