CFP: edited collection: Literaturwissenschaften in der Krise – Zur Rolle und Relevanz literarischer Praktiken in globalen Krisenzeiten

Wir befinden uns im Zeitalter zahlreicher globaler Krisen und es ist kein Ende abzusehen. Die Auswirkungen der weltweiten Klimakrise werden immer offensichtlicher: extreme Wetterverhältnisse, Hungersnöte, steigende Meeresspiegel und die daraus resultierenden globalen und lokalen Migrationsbewegungen lassen sich nicht länger gefahrlos ignorieren. Politische Repressionen und der Rückgang demokratischer Strukturen – ob im Rahmen autokratischer Regierungen oder im Gewand demokratisch sanktionierter „Ausnahmezustände“ – sind auf dem Vormarsch. Dabei wird die rechts-nationalistische Intoleranz gegenüber Minderheiten zunehmend normalisiert. Die globalen Finanzmärkte operieren scheinbar nach eigenen Regeln, außerhalb jeder Rechtfertigungsnotwendigkeit gegenüber nationalen oder internationalen politischen Strukturen, und die Gefahr einer erneuten weltweiten Finanzkrise in der näheren Zukunft ist nicht von der Hand zu weisen. Die Schere zwischen Reichtum und Armut klafft überall auf der Welt weiter auseinander, während globale Eliten immer mehr Ressourcen für sich beanspruchen. Armutsbedingte Unruhen, Proteste, Kriege, Flucht- und Migrationsbewegungen sind die Folge. Die politische Lage wird vielerorts wackliger; Konflikte eskalieren und werden zunehmend schwerer kontrollierbar. Jungen Menschen auf der ganzen Welt fehlt es an Sicherheit und Zukunftsperspektiven – sowohl für ihre eigenen Pläne und eine mögliche Familienplanung, als auch in Bezug auf ihren Platz in zunehmend instabiler werdenden gesellschaftlichen Strukturen.

Unter diesen Umständen müssen sich die Literaturwissenschaften mit ihrer eigenen Rolle und gesellschaftlichen Relevanz auseinandersetzen und sich kritischen Fragen stellen. Wie steht es um die Bedeutung der Literaturwissenschaften für Lehrende und Lernende in einer Welt, in der verlässliche soziale Normen, ethische Verhaltensmuster und vorhersehbare Zukunftsszenarien scheinbar keine Gültigkeit mehr haben? Welche Relevanz hat die Auseinandersetzung mit Literatur für Generationen von jungen Menschen, die mit der Sorge um persönliche und professionelle Ziele beschäftigt sind? Welche Rolle spielt sie im Rahmen bildungspolitischer Systeme, deren Hauptaugenmerk auf den Erwerb berufsbezogener Fähigkeiten gerichtet ist und die die ökonomische Nutzbarkeit von Ergebnissen als Hauptlegitimationskriterium von Bildung betrachtet? Die aktuelle Situation verschärft diese Fragen und verleiht ihnen eine neue Dringlichkeit, auch jenseits der Diskussion um die Sinnhaftigkeit solch utilitaristischer Prinzipien in den Geisteswissenschaften.

Welche ethischen und politischen Imperative müssen im Licht der aktuellen Krisen zwingend neu formuliert werden? Wie können wir als VertreterInnen einer offenen, inklusiven literaturkritischen und literaturaffinen Pädagogik unsere intellektuelle Praxis kritisch einordnen? Welche Relevanz haben philologische, historische und kontextuelle Forschungsprojekte im Licht einer krisengeschüttelten Gegenwart und einer unsicheren Zukunft? Wie lassen sich notwendige wissenschaftliche Arbeitstechniken wie Close Reading, historische Kontextualisierung und der Einsatz zahlreicher kritischer Methodensysteme – von der Hermeneutik über die Dekonstruktion bis hin zu Queer Theory und Ecocriticism – stärker an diesen Fragestellungen ausrichten? Für wen schreiben wir als Lehrende und Studierende der Literaturwissenschaften? Wer sind unsere Adressaten? Welche Rezeptionskriterien tragen wir als Leser an Texte heran und welche Resultate erwarten wir, wenn wir Texte lesen, kommentieren, diskutieren und schreiben? Welche Plattformen nutzen wir, um über diese Aktivitäten und über literarische Texte zu kommunizieren? Ist kritisches Denken ein adäquater Teil der Ausbildung in den Literatur- und Geisteswissenschaften oder sollten andere, praktische Fähigkeiten generiert und gefördert werden? In welchen literaturbezogenen sozialen Kontexten sind wir als Menschen, die sich mit Literatur beschäftigen, aktiv und was verbindet uns mit anderen Lesern?

Der geplante Band soll einen kritischen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen leisten. Dazu wünschen wir uns kurze, provokative, die Diskussion anregende Beiträge (maximale Kapitellänge 5000 Wörter) in klar verständlicher Sprache ohne ausladenden theoretischen Apparat. Ein weiterer Band in englischer Sprache ist geplant, daher suchen wir für diesen Band nur deutschsprachige Beiträge. Die Deadline für fertige Beiträge ist der 1. Oktober 2017.

Abstracts von max. 500 Wörtern senden Sie bitte bis zum 15. März 2017 an: russell.west-pavlov@uni-tuebingen.de und anya.heise-von-der-lippe@uni-tuebingen.de.

Quelle: H-Germanistik

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