CfP: „Genealogien der Diversität. Kontexte und Figurationen eines umstrittenen Konzepts. 7. Internationale Sommerakademie des ZfL 2017“, Berlin (15.3.2017)

Call for Papers: Genealogien der Diversität. Kontexte und Figurationen eines umstrittenen Konzepts

7. Internationale Sommerakademie des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin, 9.–12. Oktober 2017

Bewerbungsschluss: 15.03.2017

Homepage: http://www.zfl-berlin.org/veranstaltungen-detail/items/genealogien-der-diversitaet-kontexte-und-figurationen-eines-umstrittenen-konzepts.html

Die diesjährige Sommerakademie des ZfL diskutiert die Rede von der Diversität aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Im Vordergrund steht dabei die (Vor-)Geschichte des Diskurses der Diversität – seine Herkunft aus verschiedenen Theoriezusammenhängen und kulturellen Kontexten, sein Verhältnis zu scheinbar ähnlichen Konzepten wie dem der Hybridität oder der Vielfalt – sowie die rhetorischen Strategien und die darstellerischen Mittel, mit denen Diversität anschaulich gemacht oder eingefordert wird. Die Ausschreibung richtet sich an Doktoranden und Postdoktoranden aus den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften.

In aktuellen politischen Debatten ist ›Diversität‹ hoch umstritten. Die Reaktionen auf die jüngste Flüchtlingswelle, der Wahlerfolg von Donald Trump und von anderen populistischen Parteien in Europa hat nicht nur zu heftigen Auseinandersetzungen darüber geführt, wie viel und welche Vielfalt in unseren Gesellschaften möglich und gewünscht ist. ›Diversität‹ ist geradezu zum Kampfbegriff geworden, mit dem die einen auf einem noch unvollendeten Projekt der Emanzipation insistieren, während andere gerade darin einen gefährlichen und illusionären Versuch sehen, nationale Identitäten zu untergraben. Aber auch jenseits des Populismus sind selbstkritische Stimmen zu hören, die den »identitätsfixierten Linksliberalismus« (Mark Lilla) für gescheitert erklären und ihm vorwerfen, die wahren sozialen Probleme im Namen der ›Diversität‹ vernachlässigt zu haben. Haben wir es hier mit einem neuen ›Kampf der Kulturen‹ zu tun, der jedoch nicht zwischen unterschiedlichen Zivilisationen ausgefochten wird, sondern als globale Auseinandersetzung einer urbanen »kosmopolitischen Hybridkultur« und einem identitären »Kulturessentialismus« (Andreas Reckwitz)? Und was bedeutet das für die Zukunft? Hat die Rede von ›Diversität‹, die sich in Deutschland gerade erst durchzusetzen beginnt, noch eine große Zukunft vor sich, wie es die fortschreitende Globalisierung ja immerhin nahelegt? Oder gehört der Ausdruck bereits in die Vergangenheit und stehen uns ›härtere Zeiten‹ bevor?

Die Sommerakademie nimmt diese Auseinandersetzungen zum Anlass, um aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive danach zu fragen, wie über Diversität gesprochen wird: Welche Diskurse und Leitmetaphern sind dabei im Spiel und wie verhalten sich diese zu älteren Konzeptualisierungen und Darstellungen von ›Differenzierung‹ und ›Vielfalt‹? Dabei präsentiert sich der Diskurs über Diversität bereits in der Gegenwart als höchst unübersichtlich und changiert konstant zwischen einem deskriptiven Konzept und einem politischen Programm: Beschreibt die sozialwissenschaftliche Diversitätsforschung das Zusammenwirken unterschiedlicher (politischer, ökonomischer, sozialer, kultureller) Faktoren und Wahrnehmungen, die vielfältige – diverse –, oft sehr heterogene Gruppenidentitäten und minoritäre Subjektpositionen hervorbringen, so zielt ›Diversität‹ als politisches Programm darauf, marginalisierten Minderheitspositionen eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Dementsprechend spielt ›Diversität‹ in Kontexten eine Rolle, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: etwa im Recht, im Zusammenhang von affirmative action oder auch der Religionsfreiheit, in der Gesellschaftstheorie oder auch in der Ästhetik der Kultur. Eine genealogische Frage untersucht hier, wie eigentlich die Verbindungen und Verknüpfungen verschiedener Kontexte jeweils hergestellt werden.

Noch vielversprechender erscheint es allerdings – gerade angesichts der Gereiztheit der aktuellen Debatte – einen Schritt zurückzutreten und die Rede von der Diversität in den Kontext anderer und älterer Diskurse zu stellen, die eine zentrale Rolle in der Theoriedebatte der Kulturwissenschaft gespielt haben. Dazu gehören etwa Konzepte wie Heterogenität, Hybridität, Komplexität, Multikulturalismus, Kreolisierung, Pluralisierung, Polyphonie, Alterität, Biodiversität, Multitude, globale Assemblage oder rhizomatische Wunschmaschine. Sie alle beschreiben sich differenzierende, dynamische und multiple Lebensformen, Gesellschaften und Individuen, die (vorangegangenen, als anachronistisch erachteten) homogenisierenden und normativen Modellen entgegengestellt werden. Sie drücken eine Enthierarchisierung und Pluralisierung der Positionen aus, den Verzicht auf eine uniforme, durchgängig gültige Ordnung, fokussieren den Eigensinn und Eigenwert jedes einzelnen, auch nichtmenschlichen Wesens und zielen auf das Zusammendenken von wissenschaftlichen mit ethischen, ästhetischen und politischen Aspekten eines Gegenstandes. Doch wo liegen die Anknüpfungspunkte zwischen diesen teils in ganz unterschiedlichen politischen und theoretischen Kontexten (Poststrukturalismus, Postkolonialismus, ANT, Chaos-Theorie, Ökobewegung) entstandenen Denkansätzen? Welche fundamentalen Gräben verlaufen zwischen ihnen, welchen unhinterfragten Prämissen folgen sie? Und welches utopische Potential haben sie, in welchem Maße impliziert die Betonung der Differenz auch die Hoffnung auf den zumindest kompatiblen, wenn nicht harmonischen Zusammenklang des vielstimmigen Mit- und Gegeneinanders?

Besonders wichtig erscheint dabei die Frage, wie sich solche auf Differenzen fokussierte Ansätze zu Konzepten des Kosmopolitismus und Humanismus verhalten, die eher auf Allgemeingültigkeit bestimmter Wertvorstellungen und universaler Menschenrechte zielen. Diese Spannung zeigt sich etwa in den UNESCO-Konventionen, welche die Förderung der »kulturellen Vielfalt« (»cultural diversity«) im Namen der »Einheit der Menschheit« (»unity of humankind«) fordern. Ähnlich spannungsreich lässt sich auch die Karriere des Begriffs der ›Biodiversität‹ beschreiben, der seit einer UN-Konvention aus dem Jahr 1992 zum höchst erfolgreichen Schlagwort zur Durchsetzung von Naturschutzmaßnahmen, Forschungsprogrammen und sogar Ausstellungsstrategien geworden ist. Wenn dabei natürliche und kulturelle Vielfalt, Beschreibung und politische Forderung miteinander verbunden werden, lässt sich besonders gut zeigen, mit welchen Argumentationsfiguren und vor dem Hintergrund welcher Annahmen und welcher historischer Voraussetzungen über ›Diversität‹ gesprochen wird.

Dabei sollen die Genealogien nicht nur bis in die Theoriedebatten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückreichen. Es ist vielmehr auffällig, dass in epistemologischen Schwellensituationen – an den Übergängen verschiedener Episteme oder bei der Begründung neuer Wissensformen – häufig von Phänomenen der Vielfalt und Mannigfaltigkeit die Rede ist, die zumindest auf den ersten Blick dem ähneln, was aktuell unter ›Diversität‹ gefasst wird. So geht etwa die Entdeckung der ›Gesellschaft‹ als Untersuchungsgegenstand am Anfang des 20. Jahrhunderts mit intensiven Diskussionen über »Individualismus« und »soziale Differenzierung« (Georg Simmel) einher. Mitte des 19. Jahrhunderts bei Darwin und den an ihn anschließenden Evolutionstheorien spielt Diversität eine entscheidende theoretische Rolle: Sie erscheint sowohl als Voraussetzung als auch Konsequenz der evolutionären Dynamik und wird damit konzeptionell tief in der Theorie verankert. Indem sich das darwinsche »Populationsdenken« von der Vorstellung der Variation als (krankhafter) Abweichung von einem (essentialistischen) Typ löst, wird die Vielfalt zu einem natürlichen Phänomen, auf dem alle Höherentwicklung beruht. Ende des 18. Jahrhunderts, beschreiben Kulturtheorien die Vielzahl der Kulturen und die Mannigfaltigkeit natürlicher Lebensformen als »organischen« und »genetischen« Zusammenhang aus einem Ursprung. Und schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts, in der Monadenlehre Leibniz‹, bildet die Vorstellung einer Vielzahl von individuellen Geschöpfen, die aufeinander abgestimmt und gerade durch ihre Verschiedenheit miteinander zu einer Einheit verbunden sind, eine leitende Idee. Ob und wie sich freilich von diesen Diskursen aus Verbindungen zu den aktuellen Debatten ziehen lassen – ob sich beispielsweise die Wertschätzung der kulturellen Diversität wesentlich aus der Bedeutung erklärt, die das Konzept in der Evolutionstheorie hat (Peter Wood 2003), – ist im Einzelfall zu prüfen. Zu erwarten ist, dass gerade der implizite oder explizite Rekurs auf diese Vorgeschichten wesentlich zum Verständnis der jeweiligen Rede von Diversität beiträgt.

Die genealogische Frage ist aber nicht nur eine historische, sondern impliziert zugleich auch immer die Frage nach deren spezifischen Figurationen und Ausdrucksformen. Denn ›Diversität‹ ist nicht einfach ein theoretisches Konzept, sondern verbindet sich mit einer Praxis, die wesentlich auch eine ästhetische Praxis ist: Diversität muss, gerade weil sie sich einer hierarchischen Gliederung entzieht, gezeigt werden, sichtbar oder hörbar gemacht werden. Dabei ist für die Künste die Frage nach dem Zusammenhang des Mannigfaltigen ein fester Bestand der Tradition. Gerade darum stellt sich heute, unter den Bedingungen der globalisierten Moderne auch die sehr grundsätzliche Frage neu: Kann Vielfalt überhaupt zur Darstellung gebracht werden; kann der Eindruck der Unordnung vermieden werden? Welche Mittel werden dazu verwendet, welche Kontexte aufgerufen, in welche Erzählungen oder Rhetoriken werden solche Darstellungen eingebettet? Welche utopischen, welche dystopischen Bilder einer Welt der Diversität zirkulieren?

Die aktuelle Relevanz dieser ästhetischen Frage ist dabei kaum zu überschätzen, geht doch das politische Programm der Diversität einher mit einer radikalen Umwälzung der Repräsentation von kollektiver Zugehörigkeit und individueller Subjektivität: Kleidungsstile, Gesten, Sprechweisen und Konsumverhalten genauso wie ästhetische Vorlieben, kulturelle Codes und Alltagspraktiken markieren feine Unterschiede und Distinktionen. Gleichzeitig ist Diversität eine im urbanen Westen primär für die postkolonialen Metropolenregionen entwickelte Kategorie, die möglicherweise für andere Weltgegenden nur einen begrenzten heuristischen Erkenntniswert hat. So wäre beispielsweise zu fragen, ob in den postsozialistischen Gesellschaften Osteuropas oder in den Schwellenländern des globalen Südens Fragen nach identitären Zuschreibungen und partikularen Interessen, kulturellen Codes und Distinktionsgesten, aber auch nach einem kollektivem Imaginären und staatlicher Repression historisch und kulturpolitisch einen ganz anderen Stellenwert haben.

Wie aber beeinflussen solch unterschiedliche lokale und gesellschaftspolitische Bedingungen die Möglichkeit ästhetischer Produktion und Rezeption? Wenn die Künste und insbesondere auch die Literatur immer auch ein Medium sind, vorhandene Weltvorstellungen imaginär und affektiv anzueignen, zu verändern oder zu hinterfragen, alternative Modelle oder utopische Visionen zu entwickeln, dann stellt sich die Frage, ob es eine spezifische Poetik der Diversität gibt, die sich bestimmten kanonisierten Formen des Wissens und der Macht widersetzt. Oder folgen umgekehrt künstlerische Repräsentationen von Diversität lediglich einem transkulturellen global style, der längst zum medialen Mainstream stetig wechselnder Moden und Hypes gehört und den Blick auf die eigentlichen Herausforderungen der Gegenwart verdeckt?

Diskutieren wollen wir auf der Sommerakademie Projekte, in denen mit literatur- oder kulturwissenschaftlichem Interesse Fragen der Diversität bzw. Vielfalt behandelt werden. Wir fordern daher Doktorand/innen und Postdoktorand/innen aus den Fächern Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte, Medienwissenschaft, Sozialwissenschaften, Wissenschaftsgeschichte und Philosophie zur Bewerbung auf. Bitte senden Sie ein kurzes Exposé (1–3 Seiten), aus dem Gegenstand und theoretischer Rahmen sowie der Stand der Arbeit hervorgeht. Der Ablauf der Sommerakademie wird zu gleichen Teilen aus einer gemeinsamen Lektüre paradigmatischer Grundlagentexte und aus der Diskussion der Forschungsprojekte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bestehen; darüber hinaus werden die beiden Keynotes von Emily Apter und Stefan Hirschhauer intensiv mit den Vortragenden diskutiert.

Ort: Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Schützenstr. 18, 10117 Berlin

Organisation: Eva Axer, Matthias Schwartz, Georg Toepfer, Daniel Weidner

Keynotes: Emily Apter (New York), Stefan Hirschauer (Mainz)

Teilnehmer/innen: Promovierende und Post-Docs (unter besonderer Berücksichtigung von Bewerber/innen aus USA, Osteuropa und Israel)

Teilnehmerzahl: ca. 12 Teilnehmende

Arbeitssprache: Deutsch und Englisch. Vorausgesetzt wird gutes Hörverständnis und sehr gute Lesefähigkeit, da die Quellentexte im Original gelesen werden; die Präsentation der Projekte durch die Doktoranden kann auf Englisch erfolgen.

Bewerbung: Lebenslauf und 1–3seitige Projektskizze bis zum 15.03.2017 per E-Mail an Sabine Zimmermann, zimmermann@zfl-berlin.org

Die Zusage erfolgt bis zum 01.04.2017

Teilnahmegebühr: 100 EUR (u.a. für die gemeinsamen Mittagessen und die Pausenverpflegung)

Reisekosten und Abendessen tragen die Teilnehmer, um ihre Unterkunft kümmern sie sich selbst.

Im Einzelfall kann ein begründeter Antrag auf Übernahme der Reisekosten und Erlass der Teilnahmegebühr durch das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung gestellt werden.

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