CfP: „La foule / Die Menge“, Zürich (15.01.2017)

Call for Papers für die Sektion „La foule / Die Menge“ auf dem XXXV. Romanistentag | Zürich

Deadline Abstract: 15. Januar 2017
Datum der Veranstaltung: 8.-12. Oktober 2017

Sektion 8: Sektion: La foule/ Die Menge

Cornelia Wild (München), Hermann Doetsch (München)

Kontakt:
cornelia.wild@romanistik.uni-muenchen.de
hermann.doetsch@romanistik.uni-muenchen.de

Die Menge der Passanten ist im Paris des 19. Jahrhunderts die poetische Figur von Begegnung par excellence. Ihre Modernität besteht in der Dynamik der Ströme von Körpern, der Vielheit, der multitude, des Schwarms oder des Gewimmels, obwohl die Figur selbst – und im Unterschied zur Masse – eine Figur des Singulars ist. Durch die Assoziation mit der Bewegung des Hin und Her der Körper wie die Wogen des Meeres wurde sie poetologisch als „bain de multitude“ (Baudelaire) bestimmt und damit ihre verschiedenen Facetten wie Delirium, Rausch oder Fest ins Spiel gebracht.

Charakteristisch für die Menge ist, dass mit ihr der Ort der Begegnung immer auch vom Verschwinden bedroht ist: Unterschiedslos werden die Individuen von der Menge verschluckt, von der Passantin bis zum Kriminellen (Poe), die in der Anonymität untertauchen und unsichtbar werden. Offensichtlich tendiert die Menge dazu, ihre Konturen aufzulösen, aber gerade dadurch werden Prozesse der Figuration beobachtbar.

Doch die Menge der Passanten ist nicht nur ästhetischer Gegenstand, durch das 19. Jahrhundert hindurch in das 20. Jahrhundert ist sie auch Objekt der politischen Steuerung und Kontrolle (Foucault) und bildet, wie insbesondere Michel Serres und Eugen Thacker herausgearbeitet haben, eines der wichtigsten epistemologischen Objekte in der Neuorientierung der modernen Wissenschaft hin zu einem statistischen Paradigma in den Naturwissenschaften (Maxwell, Cauchy, Boltzmann), in der Medizin und Epidemiologie (Pasteur, Yersin) sowie in der Geschichtswissenschaft (Michelet, Marx) und der Soziologie (Le Bon, Tarde). So stellt die Menge einen komplexen Ort der Theorienbildung dar, die mit Figuren wie Ansteckung, Mannigfaltiges, Fluides oder Normalität operiert.

Das geschieht etwa dann, wenn die Menge zum Dispositiv moderner Wahrneh­mung erklärt wird; sie dient als der „bewegte Schleier“ (Walter Benjamin), durch den hindurch Paris gesehen werden kann. Der Blick durch die Menge wird zu einem hermeneutischen Instrument: die Menge, die verdeckt, zeigt, was man ohne sie nicht gesehen hätte. Offensichtlich lässt sich die Figur der Menge nicht nur durch Momente wie das lustvolle Eintauchen oder die Auflösung bestimmen, sondern beinhaltet auch erkenntnistheoretische Versprechen, indem sich Menge und Medien gegenseitig durchdringen (Münz-Koenen/Schäffner). Neben der Lyrik (Baudelaire, Rimbaud) setzen sich im 19. und 20. Jahrhundert die Romane von romantischen über realistische und naturalistische bis hin zu modernen Schreib­weisen (Hugo, Sue, Michelet, Balzac, Flaubert, Zola, Proust) immer wieder dem Faszinosum Menge und seinen ästhetischen, politischen und epistemologi­schen Dimensionen aus.

Nicht zuletzt durch die terroristischen Anschläge in Paris wurde die foule jäh wieder in den Blick gerückt (Jean-Claude Milner). Umso mehr sind wir aufgefordert, uns mit der ästhetischen und figurativen Komplexität, aber auch der epistemologischen und politischen Relevanz der Menge auseinanderzusetzen. Ausgehend von diesen ersten Beobachtungen und Behauptungen soll die Figur der Menge in der Sektion zum Gegenstand einer Reflexion werden, die sich über sechs verschiedene Themenfelder erstreckt:

  1. Dispositive der Wahrnehmung (Rausch, Sichtbarkeit/Unsichtbarkeit, Schock, Trauma, Flüchtigkeit, Verschwinden, Delirium)
  2. Epistemologie (Menge, Mannigfaltige, Fluide, Ansteckung, Multitude, Schwärme)
  3. Semiotik (Kollektiv/Individuum, Flanerie, Stadt, Fest, Schleier)
  4. Bildliche Prozesse (Tableaux parisiens, Denkbilder, Fotografie, Kino)
  5. Metaphorisierung und Figuration (Vervielfältigung, Serialität, Reproduzier-barkeit, Hintergrund/ Vordergrund)
  6. Topographie (öffentlicher Platz, Versammlung)

Bibliographie

Baudelaire, Charles: Le peintre de la vie moderne, in: Œuvres complètes, hg. Claude Pichois, Bd. 2, Paris 1976: Gallimard.

Benjamin, Walter: Passagen-Werk, hg. Rolf Tiedemann, Frankfurt a. M. 1982: Suhrkamp.

Brüggemann, Heinz: „Aber schickt keinen Poeten nach London!“ Großstadt und literarische Wahrnehmung im 18. und 19. Jahrhundert. Texte und Interpretationen, Reinbek bei Hamburg 1989: Rowohlt.

Compagnon, Antoine: Baudelaire. L’irréductible, Paris 2014.

Foucault, Michel: Sécurité, Territoire, Population (Cours au Collège de France. 1977-1978), Paris 2004: Gallimard/Seuil.

Gamper, Michael: Masse lesen, Masse schreiben. Ein Diskurs- und Imaginations­geschichte der Menschenmenge 1765-1930, München 2007: W. Fink.

Graczyk, Annette: Die Masse als Erzählproblem. Unter besonderer Berücksichti­gung von Carl Sternheims „Europa“ und Franz Jungs „Proletarier“, Tübingen 1993: Max Niemeyer.

Hempel, Wido: Manzoni und die Darstellung der Menschenmenge als erzähltech­nisches Problem in den „Promessi sposi“, bei Scott und in den historischen Romanen der französischen Romantik, Krefeld 1974: Scherpe.

Milner, Jean-Claude: „Le Califat a des lettres“, Le Monde, 19.11.2015.

Münz-Koenen, Inge; Schäffner, Wolfgang (Hgg.): Masse und Medium. Verschie­bungen in der Ordnung des Wissens und der Ort der Literatur 1800/2000, Berlin 2002: Akademie Verlag.

Poe, Edgar Alan: The Man of the Crowd, in: Selected Tales, hg. David van Leer, Oxford 2008: Oxford UP, S. 84-91.

Ross, Kristin: The Emergence of Social Space. Rimbaud and the Paris Commune, 2. Auflage, London/New York 2008: Verso.

Serres, Michel: Feux et signaux de brume – Zola. Paris 1975: Grasset.

Serres, Michel: La naissance de la physique dans le texte de Lucrèce. Fleuves et turbulences, Paris 1977: Minuit.

Thacker, Eugen: Networks, Swarms, Multitudes (Part One), www.ctheory.net/articles.aspx?id=422, 2004 (02.03.2015)

Thacker, Eugene: Networks, Swarms, Multitudes (Part Two), www.ctheory.net/articles.aspx?id=423, 2004 (02.03.2015)

via romanistentag.de

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Calls for Papers, Veranstaltungen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.