CfP: „Zu Protokoll. Theoriegeschichte und Ideenpolitik einer übersehenen Gattung“, Berlin (31.12.2016)

Call for Papers für den Workshop
Zu Protokoll. Theoriegeschichte und Ideenpolitik einer übersehenen Gattung
Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin

Deadline: 31.12.2016

Datum der Veranstaltung: 27.-28. April 2017

Workshop, veranstaltet von Philipp Felsch (Humboldt-Universität zu Berlin), Herbert Kopp-Oberstebrink (Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin) und Moritz Neuffer (Humboldt-Universität zu Berlin)

Das Protokoll ist eine Gattung mit einer langen Geschichte. Seine Anfänge lassen sich mindestens bis in die römische Antike zurückverfolgen. Zunächst in kultischen, dann aber zunehmend in juridischen Zusammenhängen erhält das Protokoll die Funktion, Geschehenes und Gesagtes festzuhalten und ihm – das ist entscheidend – durch einen Akt der Zeugenschaft oder der Beglaubigung zugleich eine Art amtlicher Geltung zu verleihen. Daher sind Protokolle in den meisten Fällen in ein doppeltes Wahrheitsregime verwickelt: Im Dienst der Faktizität sind sie auf der einen Seite der zuverlässigen Übertragung verpflichtet. Als Träger von Geltung stellen sie auf der anderen Seite einen untrennbaren Teil des Handelns von Institutionen dar. Im Zuge der Entstehung des kollektiven Empirismus wandert das Protokoll in der Frühen Neuzeit aus administrativen Kontexten in die Naturwissenschaften ein. Wo Experimente oder kontrollierte Beobachtungen stattfinden, werden seither zumeist auch Protokolle angefertigt. Der Aspekt der Geltung tritt in diesen Fällen hinter den Aspekt der Faktizität zurück.

Im 20. Jahrhundert und verstärkt seit dem Zweiten Weltkrieg, so die dem Workshop zugrunde liegende These, strahlt die Kulturtechnik des Protokollierens in unterschiedliche kulturelle Sphären aus. Das gilt zumal für die Bundesrepublik und lässt sich insbesondere in den Geisteswissenschaften beobachten. Zum ersten Mal werden Seminardiskussionen in Form von Protokollen fixiert. Den hohe Stellenwert, den solche Protokolle in der akademischen Lehre erlangen, mutet rückblickend erstaunlich an. Ihm scheint die Annahme zugrunde zu liegen, dass sich im Gespräch eine spezifische Form von Erkenntnis manifestiert, die von ihren kommunikativen Entstehungsbedingungen nicht isoliert werden kann. Darauf deuten auch die zahlreichen Protokolle aus dem Umfeld der Gegenkultur und der Studentenbewegung hin. An der Hochkonjunktur des Protokollierens partizipiert schließlich auch die Literatur. Der immense Erfolg von Erika Runges Bottroper Protokollen (1968) und vergleichbarer Dokumentarliteratur aus den sechziger Jahren ist ein Phänomen, das sich nur als Teil einer breiteren ideen- und medienhistorischen Entwicklung verstehen lässt.

Abgesehen von ihrer Entstehung ist die Rezeption und Publikation von Protokollen ein besonders aufschlussreiches Untersuchungsfeld. Daher fragt der Workshop nach der Brisanz von Strategien der gezielten Zirkulation und der Veröffentlichung. Im Übergang vom gesprochenen zum protokollierten Wort, vom nicht- oder halböffentlichen zum publizierten Text, vom unsichtbaren zum sichtbaren Wissen finden oft sensible Aushandlungs- und nachträgliche Bearbeitungsprozesse statt, weshalb die Publikation von Protokollen zur Streitsache, zum Skandalon oder gar zur juristischen Auseinandersetzung führen kann.

Mit der Proliferation analoger Aufzeichnungsmedien, der Geburt des Zeitzeugen und dem Glauben an die kommunikative Vernunft nimmt der Workshop mögliche Ursachen und Möglichkeitsbedingungen der Konjunktur der Verschriftlichung von Mündlichkeit in den Nachkriegsgesellschaften in den Blick. Während Aufzeichnungs- und Evidenzverfahren in den Natur- und teilweise auch in den ethnographisch verfahrenden Sozialwissenschaften von der jüngeren Wissenschaftsgeschichte eingehend untersucht worden sind, sind diese Zusammenhänge bisher kaum erforscht. Anhand ausgewählter Beispiele möchten wir die Phänomenologie und die Geschichte einer Gattung erkunden, deren Bedeutung als Quelle der Theorie- und Ideengeschichte noch nicht annähernd erkannt scheint. Seitenblicke auf benachbarte Formen der Transkription wie die Dokumentation oder das Interview sollen es ermöglichen, die Frage nach dem Protokoll in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

Vorschläge bitte an: kopp-oberstebrink@zfl-berlin.org  (Dr. Herbert Kopp-Oberstebrink)

(via http://www.zfl-berlin.org/)

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