CfP „Parallelgesellschaften. Instrumentalisierungen und Inszenierungen in Politik, Kultur und Literatur“, Zürich (31.12.2016)

Call for Papers für die Sektion „Parallelgesellschaften. Instrumentalisierungen und Inszenierungen in Politik, Kultur und Literatur“ auf dem XXXV. Romanistentag | Universität Zürich

Deadline Abstract: 31. Dezember 2016
Datum der Veranstaltung: 8.-12. Oktober 2016

Martin Biersack (LMU München), Teresa Hiergeist (FAU-Erlangen-Nürnberg), Benjamin Loy (Universität zu Köln)

Das Konzept ‚Parallelgesellschaften‘ bezeichnet ein „Soziotop, das innerhalb einer territorialen, aber außerhalb der sozialen und kulturellen Ordnung eines Gemeinwesens existiert, ohne mit ihm in Beziehung zu treten“ (Nagel 2013, 11). Dieses kann freiwillig und somit in dezidierter Abgrenzung zu den Räumen, Regeln und Werten der Mehrheitsgesellschaft entstehen, aber auch über Ghettoisierung, strukturelle Benachteiligung, Biopolitik und Diskriminierung begünstigt sein (vgl. Bukow 2007, 12). Im deutschen Sprachgebrauch ist die Parallelgesellschaft klar pejorativ besetzt: Der Begriff wird aus der Perspektive der institutionell legitimierten ‚Kerngesellschaft‘ gedacht, in ihm schwingen die Konnotationen ‚Agonalität‘, ‚Zerfall‘ und ‚Bedrohung‘ mit; er findet innerhalb eines ideologisierenden und dramatisierenden Diskurses vorwiegend in Zusammenhang mit dem neokonservativen Horrorszenario einer gescheiterten Migration Anwendung (vgl. Schiffauer 2008, 7). Auch Frankreich kennt den Angstdiskurs der société parallèle, vorzugsweise in Verbindung mit den banlieues, die häufig als rechtsfreie Räume gezeichnet werden, welche als gleichsam verlorene Gebiete vom kollektiven Bewusstsein abgespalten und verdrängt werden (vgl. Sintomer 2002, 95). Ähnlich verhält es sich in Italien, wo der Begriff der società parallela oder sotterranea bisweilen in Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen fällt (vgl. Siebert 2001, 127). Der Gestus der Etikettierung gesellschaftlicher Gruppen als ‚Parallelgesellschaften‘ ist ein alterisierender und dient der Verteidigung der eigenen Privilegien, der Legitimierung der gesellschaftlichen Macht sowie der Stabilisierung der nationalen Identität in einer sich wandelnden Weltgesellschaft. Das erklärt auch den topischen Charakter des Diskursmusters, das der Realität einer zunehmenden Mobilität, Diversifizierung und Vernetzung zum Trotz eine starke Konstanz aufweist (vgl. Schiffauer 1997, 157).

Zu dieser negativen Auffassung der Parallelgesellschaft existiert auch ein positives Gegenkonzept: die zwar nicht im Diskurs, dafür in der Alltagswirklichkeit umso präsentere sozioökonomische bzw. -kulturelle Abgrenzung von der Restgesellschaft (vgl. Nowak 2006, 71). Demnach werden etwa Kommunen, Aussteiger, Okkupisten, Gangs, Sekten, aber auch que(e)r zur Heteronormativität stehende Kulturen und Lebensmodelle häufig als Alternativen zur bestehenden Gesellschaft gesehen, die aus der fehlenden Identifikation mit dem System oder der Existenz einer starken Wir-Gruppe mit gemeinsamen Lebensstilen, Ritualen, Symbolen und Normen resultieren (vgl. Bukow 2007, 15). Die Abgrenzung von der Restgesellschaft wird dabei häufig gesellschaftlich akzeptiert, bisweilen sogar als subversives Potenzial verstanden, um der Restbevölkerung einen Spiegel vorzuhalten und sie kritisch zu hinterfragen (vgl. Schiffauer 2015, 125). Diese Idee scheint vor allem im iberischen und lateinamerikanischen Kontext von Relevanz, wo sociedad paralela häufiger als in der restlichen Romania auch in positiv besetzten Zusammenhängen auftaucht. Insbesondere im Fall Lateinamerikas reichen die vielfältigen Ausprägungen eines historisch und kulturell verankerten Utopie-Diskurses vom Beginn der Conquista über die nationalen Reinheitsphantasien des 19. bis zu den sozialistischen Imaginarien um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts (vgl. Pastor 2011).

Ähnlich ambivalent wie im gesellschaftlichen Diskurs werden Parallel- und Alternativgesellschaften in literarischen Texten und im Film bewertet: Mal werden sie als dystopisches Schreckensszenario entworfen, das die Angst des Lesers schürt, wie dies jüngst in Michel Houellebecqs Soumission der Fall war, mal als utopische (und zum Scheitern verurteilte) politische oder künstlerische Gegenwelten, wovon etwa das Werk Roberto Bolaños Zeugnis ablegt; mal werden sie als Resultat von Diskriminierung und Ausgrenzung aufgefasst (z.B. in González Iñárritus Biutiful), mal als Strategien der subversiven Kritik gesellschaftlicher Machtverhältnisse (wie etwa im Roman 54 des italienischen Autorenkollektivs Wu Ming). Dabei eignen ihnen vorwiegend drei Funktionen: Erstens werden über sie gesellschaftliche Werte und Verhaltensweisen verhandelt, bestätigt, in Frage gestellt oder neu gedacht. Zweitens reflektieren sie Fragen nach der Bewertung kultureller Homogenität, nach den Bedingungen von Identität, nach den Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Integration und nach der Verständigung über Grenzen hinweg bzw. stellen diese zur Debatte. Drittens spiegeln sie den sozialen Diskurs um Parallelgesellschaften aus einer Metaposition, zumal sie zementierend oder distanzierend zu ihm Stellung beziehen. Insofern stellen literarische Texte und Filme zu Parallelgesellschaften einen fiktionalen Reflexionsraum dar, der der Verhandlung gegenwärtiger gesellschaftlicher Herausforderungen wie auch historischer Ereignisse und Diskurse gleichermaßen dient.

Die interdisziplinäre Sektion erforscht die diskursive und literarische Inszenierung unterschiedlicher Formen von Parallelgesellschaften in der Romania aus kultur- und literaturwissenschaftlicher Perspektive in syn- und diachroner Annäherung und beleuchtet sie vor dem Hintergrund eines sich durch Globalisierung ausdifferenzierenden, durch zunehmende Individualisierung und Wahlfreiheiten flexibilisierenden und sich durch Mobilität und Migration neu strukturierenden Lebensalltags. Dabei bezieht sie auch eine historische Perspektive mit ein und nimmt auch Diskurse und Praktiken in den Blick, in denen sich das Konzept ‚Parallelgesellschaft‘ gleichsam avant la lettre manifestiert: So waren in der Vormoderne Abweichungen von den Normen der Kerngesellschaft meist nur im Untergrund, zum Beispiel in Freimaurerlogen, möglich (vgl. Aprile 2008); andere Formen der Abgrenzung, die von staatlicher Seite gewollt bzw. geduldet waren, betrafen die indigene Bevölkerung Amerikas, die als „república de los indios“ getrennt von der spanischen Gesellschaft existieren sollte (Levaggi 2001), oder die gitanos (vgl. San Román 1997).

Insgesamt ergeben sich hierbei sich folgende mögliche thematische Anknüpfungspunkte:

  • diskursive und narrative Inszenierungen von Parallelgesellschaften in Literatur, Film und Medien (vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Debatten darüber sowie in kulturvergleichender Perspektive)
  • gesellschaftskritische und identitäre Funktionalisierungen von Parallelgesellschaften und des Abgrenzungsdiskurses
  • Inszenierungen und Ideologisierungen interkultureller Konflikte im Zusammenhang mit Parallelgesellschaften (auch vor dem Hintergrund kolonialer Vergangenheit bzw. postkolonialer Gegenwart)
  • diachrone Perspektiven auf den Wandel des Konzepts der ‚Parallelgesellschaft‘
  • Verhandlungen der Vorstellungen von kultureller Homogenität/Heterogenität und Integration
  • Konzeptualisierungen von Zentrum-Peripherie-Relationen im Kontext von Parallelgesellschaften

Wir freuen uns über die Zusendung von Beitragsvorschlägen (ca. 300 Wörter) bis zum 31.12.2016 an Benjamin Loy [b.loy@uni-koeln.de], Martin Biersack [martin_biersack@yahoo.de] sowie Teresa Hiergeist [teresa.hiergeist@fau.de].

Aprile, Sylvie/Retaillaud-Bajac, Emmanuelle (Hrsg.) (2008): Clandestinités urbaines. Les citadins et les territoires du secret (XVIe-XXe), Rennes.
Bukow, Wolf-Dietrich/Nikodem, Claudia/Schulze, Erika/Yildiz, Erol (2007): „Was heißt hier Parallelgesellschaft? Zum Umgang mit Differenzen“, in: Dies. (Hrsg.): Was heißt hier Parallelgesellschaft? Zum Umgang mit Differenzen, Wiesbaden, 11-27.
Levaggi, Abelardo (2001): República de indios y república de españoles en los reinos de Indias, Valparaíso.
Nagel, Alexander-Kenneth (2013): „Diesseits der Parallelgesellschaft. Religion und Migration in relationaler Perspektive“, in: Ders. (Hrsg.): Diesseits der Parallelgesellschaft. Neuere Studien zu religiösen Migrantengemeinden in Deutschland, Bielefeld, 11-36.
Nowak, Jürgen (2006): Leitkultur und Parallelgesellschaft. Argumente wider einen deutschen Mythos, Frankfurt.
Pastor, Beatriz (2011): „Utopia in Latin America. Cartographies and Paradigms“, in: Beauchesne, Kim (Hrsg.): The Utopian Impulse in Latin America, New York, 29-49.
San Román, Teresa (1997): La diferencia inquietante. Viejas y nuevas estrategias culturales de los gitanos, Madrid.
Schiffauer, Werner (1997): „Die Angst vor der Differenz. Zu neuen Strömungen in der Kultur- und Sozialanthropologie“, in: Ders.: Fremde in der Stadt. Zehn Essays über Kultur und Differenz, Frankfurt, 157-171.
Schiffauer, Werner (2008): Parallelgesellschaften. Wie viel Wertekonsens braucht unsere Gesellschaft?, Bielefeld.
Siebert, Renate: „Mafia e antimafia. Alla ricerca di categorie interpretative adeguate“, in: Ruggeri, Fedele (Hrsg.): La società e il suo doppio. Perché ricercare sull’illegalità, Mailand, 119-140.
Sintomer, Yves/Bacqué, Marie-Hélène (2002): „Les banlieues populaires entre intégration, affiliation et scission“, in: Baudin, Gérard/Genestier, Philippe (Hrsg.): Banlieues à problèmes. La construction d’un problème social et d’un thème d’action publique, Paris, 93-112.

via romanistik.de

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