CfP: „Frankreich als Gastland der deutschsprachigen Emigration zwischen 1933 und 1940“, Paris (01.01.2017)

Call for Papers für die 8. Zweijahrestagung der Internationalen Feuchtwanger-Gesellschaft: „Frankreich als Gastland der deutschsprachigen, insbesondere der deutsch-jüdischen und österreichisch-jüdischen Emigration zwischen 1933 und 1940: Formen und Medien öffentlicher Erinnerungskultur“ | Paris

Mit Unterstützung der Fondation pour la Mémoire de la Shoah.

In Kooperation mit dem Centre de Recherches et d’Etudes Germaniques (CREG) in Montpellier, dem Centre d’Etudes Germaniques Interculturelles de Lorraine (CEGIL) in Metz und dem Centre d’Etudes des Relations et Contacts Linguistiques et Littéraires (CERCLL) in Amiens

Deadline Abstract:
1. Januar 2017
Datum der Veranstaltung: 12.-14. Oktober 2017

„Eine […] öffentliche Erinnerungskultur stellt sich nach beschämenden oder traumatischen Ereignissen in der Regel erst nach einem zeitlichen Intervall […] ein.“ (Aleida Assmann)

Während es in Frankreich zahlreiche Erinnerungsorte (cf. Pierre Nora) zum deutsch-französischen Verhältnis in der Zeit der Vichy-Regierung und des besetzten Frankreich gibt, scheint die Zeit davor, die Zeit, in der Frankreich zahlreichen Exilanten als Zufluchtsort diente, im kollektiven Gedächtnis der französischen Bevölkerung weniger tief verankert zu sein, obwohl es sich kaum um traumatische Geschichtserfahrung handeln kann. Initiativen wie die der Gemeinde Sanary-sur-mer bleiben die Ausnahme und die Bewahrung der Erinnerung an diese Zeit bleibt weitgehend der Forschung vorbehalten, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland. Während das Hotel Lutetia den meisten Parisern als Zentrale der deutschen Abwehr und Gegenspionage in der Besatzungszeit bekannt ist, wird sich kaum jemand daran erinnern, dass es seit 1935 auch dem „Ausschuss zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront“ als Sitzungsort diente und unmittelbar nach Kriegsende als Auffangstation überlebender KZ-Insassen umfunktioniert wurde.
Die Erinnerung an vergangene Epochen sowie auch das Bild, das sich die Nachwelt von einer bestimmten Zeitspanne macht, wird nicht nur durch Gedenkstätten geprägt. Texte ob juristischer, journalistischer oder literarischer Natur, politische Kampfschriften und Reden, Briefe, Tagebücher, Filme und Fotographien bewahren — trotz Subjektivität und Zufälligkeit des Konservierten — Zeitgeschehen für die Mit- und Nachwelt auf. Welche Erinnerungen konkret in das kollektive Gedächtnis eines Landes eingehen, scheint dabei vom Nutzen abzuhängen, den das Bewahrte für die Gemeinschaft der Bewahrer mit sich bringt.

Die Tagung der Internationalen Feuchtwanger-Gesellschaft wird ihr besonderes Interesse den Quellen widmen, die das kollektive Gedächtnis in Frankreich und in Deutschland gespeist haben und den Erinnerungsdiskurs im Nachbarland bis heute prägen. Welche Erinnerungen an die deutschsprachige Emigration zwischen 1933 und 1940 sind in Frankreich noch heute präsent? Inwieweit wurden sie materialisiert, eventuell auch institutionalisiert? Welche Ereignisse der damaligen Zeit konnten sich hingegen nie im kollektiven Gedächtnis verankern oder werden heute nicht mehr erinnert? Was wurde weitergegeben? Welcher Medien hat man sich bewusst oder unbewusst bedient, um an vergangene Ereignisse zu erinnern und diese zu überliefern? In diesem Sinne sollten sowohl französische und ausländische Medien als auch die Medien der deutschsprachigen bzw. deutsch-jüdischen und österreichisch-jüdischen Emigration berücksichtigt werden.

Dabei besteht die Möglichkeit, entweder vom Bewahrten oder vom Vergessenen auszugehen und jeweils zu versuchen, die spezifischen Voraussetzungen für die Weitergabe von Vergangenem zu erarbeiten.

In Frankreich wurde mit Entstehen des Front populaire die Immigration aus Nazideutschland erleichtert. Die florierende deutschsprachige Exilpresse gab den Exilanten die Möglichkeit, sich politisch zu artikulieren. Es fanden zahlreiche Veranstaltungen statt, die gegen Nazideutschland gerichtet waren. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass weder die Exilanten eine homogene Gruppe darstellten noch Frankreich als politisch einheitliches Land betrachtet werden kann. In diesem Zusammenhang wäre auch die Diskrepanz zwischen der Hauptstadt und der Provinz zu berücksichtigen. Um ermitteln zu können, welche Darstellung der Ereignisse der Nachwelt bevorzugt vermittelt wurde, gilt es zunächst zu eruieren, welche unterschiedlichen Interpretationen die Ereignisse in der Zeit selbst erfahren haben. Die Reaktion der französischen Öffentlichkeit auf die Exilanten könnte anhand archivierter Artikel der französischen Presse vor Beginn des Zweiten Weltkriegs untersucht werden. Wie beurteilte man in den unterschiedlichen Presseorganen die Arbeit des Lutetia-Kreises? Wurde von französischen Politikern, Journalisten, Intellektuellen und Künstlern Stellung bezogen zu den Kontroversen zwischen den einzelnen politischen Lagern der Emigration, im Konflikt beispielsweise zwischen den beiden Arbeiterparteien? Besondere Aufmerksamkeit sollte dabei auch dem liberalen Exilantenmilieu geschenkt werden. Auch sollte untersucht werden, wie die jüdische Gemeinde Frankreichs auf die Exilanten aus dem deutschsprachigen Raum reagierte (Aufrufe in der jüdischen Presse, Hilfsorganisationen, Veranstaltungen, persönlicher Einsatz).

In diesem Zusammenhang kommt auch der Rezeption literarischer bzw. insgesamt künstlerischer Werke im Gastland besondere Bedeutung zu. An Rezensionen, Ausstellungsberichten, Theaterkritiken usw. könnte nachvollzogen werden, wie das künstlerische Schaffen der Exilanten in Frankreich von der französischen Bevölkerung aufgenommen wurde. Besondere Bedeutung sollte dabei dem filmischen Schaffen zukommen. Während zahlreiche literarische Werke von Exilschriftstellern dem französischen Leser erst spät, oft auch gar nicht zugänglich waren, erfolgte die Rezeption von Filmen unmittelbar. Welche Aufnahme fanden die im Pariser Exil entstandenen Filme von Billy Wilder, Max Ophüls oder Fritz Lang beim französischen Publikum der Dreißigerjahre? Wurden Sie spezifisch als Werke der deutschsprachigen Emigration rezipiert? Wie ist man in der Folgezeit mit dem filmischen Erbe dieser Zeit umgegangen?

Um im Einzelnen nachvollziehen zu können, welches Bild der deutschsprachigen Emigration in den Dreißigerjahren geprägt und gegebenenfalls den nachfolgenden Generationen vermittelt wurde, sollten gewisse Beiträge auch der Perspektive der Exilanten Ausdruck verleihen. Wie wird die Haltung Frankreichs zur Emigration in literarischen Werken, in Korrespondenzen, in Presseartikeln, in Fotographien und in Reden von Emigranten dargestellt? Darüber hinaus könnte allgemein gefragt werden, ob Judentum und Deutschtum in ihrem Verhältnis zueinander als unversöhnliches Gegensatzpaar dargestellt oder erinnert werden oder im Gegenteil als einander ergänzende, zumindest einer Synthese zugängliche menschliche Befindlichkeiten gelten.

Die unterschiedlichen theoretischen Ansätze in der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung sollten es uns ermöglichen, Formen und Medien von Erinnerungskultur, Mechanismen von Überlieferung und Transformation gesellschaftlicher Erinnerung am Beispiel des Erbes der deutschsprachigen und der deutschjüdischen Emigration in Frankreich zwischen 1933 und 1940 herauszuarbeiten.
Die Vorträge können auf Deutsch, Englisch und Französisch gehalten werden und sollten eine Dauer von 20 Minuten nicht überschreiten. Bitte senden Sie Ihr Abstract (ca. 300 Wörter) bis zum 1. Januar 2017 an: wallacei@blueyonder.co.uk und azuelos.daniel@orange.fr

via H-Germanistik – dort sind auch eine englische und eine französische Fassung dieses CfP verfügbar.

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