CfP: Kleinstadtliteratur. Martin-Luther-Universität, Halle (16.-18.03.2017, Deadline 13.11.2016)

Kleinstadtliteratur

Komparatistische Tagung | Martin-Luther-Universität, Halle

Deadline für Abstracts: 13. November 2016
Datum der Veranstaltung: 16.-18. März 2017

Die Kleinstadt befindet sich in einer eigenartigen Zwischenstellung, eingespannt in einer doppelten Oppositionsklammer: Auf der einen Seite gilt die Großstadt als prototypischer Ort moderner, komplexer und beschleunigter Lebensverhältnisse, auf der anderen Seite gilt das Dorf- und Landleben als Ort einfacher Lebensverhältnisse und ‚langer Dauer‘. In den idealisierten Sichtweisen moderner Lebenswelten erscheint die Großstadt als Ort des Fortschritts und nahezu unbegrenzter Möglichkeiten, das Landleben als überholt und rückständig. In den idealisierenden Imaginationen vormoderner Lebenswelten hingegen erscheint das Landleben als Raum authentischer Mensch-Natur-Verhältnisse und Selbsterfahrungen, die Großstadt als anonymisierend und entfremdend. Im Rahmen dieser beiden einander korrelierenden und zugleich kontrastierenden Sichtweisen unterlaufen die Erfahrungen und Imaginationen der Kleinstädte seit jeher nicht nur die Gegenüberstellung von Großstadt/Zentrum und Land/Peripherie, sondern stellen gerade auch in ihren historischen Dimensionen vielfache Überschneidungsflächen zwischen den beiden jeweils auf Idealtypen hin ausgelegten Formen menschlicher Vergemeinschaftung/Vergesellschaftung unter den Bedingungen der Moderne dar. Dabei sind Kleinstädte in ihrer Realität jedoch beständig mit einer doppelten Bedrohung des eigenen Verschwindens konfrontiert: Schrumpfungsprozessen einerseits stehen Suburbanisierungsprozesse andererseits gegenüber – und mit beiden verbunden zeigt sich die Gefahr, in diesem Dazwischen konturlos zu werden: in einem vielfach diskutierten „Stadt-Land-Kontinuum“ zu verschwinden oder als „Zwischenstadt“ in der alltagsweltlichen Wahrnehmung (und damit auch hinsichtlich politischer oder medialer Aufmerksamkeit) nur noch den bloßen „Anblick eines Überall und Nirgendwo“ (Hüppauf 2005: 303) zu bieten.

Zumindest innerhalb einer auf Dynamik, Fortschritt und Individualität hin ausgerichteten Moderne, aber auch schon innerhalb eines diese vorbereiteten höfischen und städtischen Zentralismus, fristete und fristet die Kleinstadt ein Schattendasein im Rücken der Großstadt. Sowohl aus sozialhistorischer als auch aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Sicht fungiert die Metropole als eine Art Brennglas, „in dem die Bedingungen der Moderne sich konzentrieren und deshalb immer wieder und in jeder Hinsicht zünden“ (Früchtl 1998: 767). Dementsprechend sind die jeweiligen disziplinären und Disziplinen übergreifenden Stadtforschungen bisher im Wesentlichen Forschungen gewesen, die sich mit Großstädten und Agglomerationsräumen beschäftigen (Hannemann 2002: 265). Damit ist, zumindest im Blick auf die Welt seit 1800, eine systematische Vernachlässigung der Kleinstadt und des Kleinstädtischen in den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen (Zimmermann 1999 u. 2003, Gräf 2004, Hannemann 2002 u. 2004) einhergegangen, die so auch unter den Bedingungen fortgeschrittener industriegesellschaftlicher Dynamik und Verstädterung nach 1945 weitergeschrieben wurde. Kleinstädtische Lebensformen und -weisen wurden allzu häufig marginalisiert (Hannemann 2004). Dies trifft auch auf literaturwissenschaftliche Untersuchungen zu, die in der Regel geleitet wurden von der Annahme, dass insbesondere die moderne Literatur ihre Formen und Inhalte in Auseinandersetzung mit den Lebenswelten und Wahrnehmungsweisen der Metropolen entwickelt.

Demgegenüber bleibt jedoch allzu häufig unbeachtet, dass Kleinstädte – auch rein quantitativ gesehen – noch immer zentrale Knotenpunkte im global-historischen Städtegefüge und damit auch prägende Lebenswelten für viele Menschen bildeten und auch gegenwärtig weiterhin bilden (Zimmermann 2003). Daher spielen die Formen und Modelle, Funktionen und Erfahrungen des Kleinstädtischen in den individuellen Vorstellungen und sozialen Imaginationen der Menschen sowie den darauf bezogenen kulturellen Produktionen noch immer eine wichtige Rolle. Dabei geht es u.a. auch um die Erfahrungen und Möglichkeiten sowie die Projektionen und Erwartungen einer auf Handhabbarkeit, Kommunikation und Zugehörigkeit hin angelegten sozialen Ordnung, die von der Familie über die Nachbarschaft zur Gemeinde- und Vereinsarbeit bis hin zu partiellen Partizipationsformen zivilgesellschaftlicher Beteiligung reicht und in diesem Sinn eine Art Laborsituation und zugleich einen Imaginationsraum sozialer und biografischer Erfahrungen und Entwicklungen bietet.

Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ist dabei jedoch auffällig, dass sich im Begriff der Kleinstadt eine „diametral entgegengesetzte Bildlichkeit“ (Hannemann 2002: 271) finden lässt. Die alltagsweltlichen und popkulturellen Wahrnehmungen und Imaginationen des Kleinstädtischen schwanken zwischen den beiden Polen romantischer Idyllisierung und sozialkritischer Verwerfung provinzieller und kleinbürgerlicher Lebensweisen, Ansichten und Verhältnisse. Allzu häufig werden dabei auch noch in der Kulturkritik der Gegenwart (vgl. Bohrer 2000) kleinstädtische Verhältnisse entweder als eine Art Widerlager, ja auch Lackmustest fortschrittlicher Entwicklungen oder aber als letzter Hort des Widerstands bzw. Residuum älterer Lebensformen und Sozialverhältnisse mitsamt ihrer Normen und Werte, Denkmuster und Weltwahrnehmungen imaginiert und konzipiert. Historisch, kulturwissenschaftlich, gesellschaftlich und nicht zuletzt literarisch bildet die Kleinstadt daher ein vermeintlich bekanntes und vertrautes Bild individuellen Lebens und spezifischer Sozialverhältnisse: „Wenn es eine deutsche Seele gibt, so nistet sie in der Kleinstadt“ (Glaser 1969: 66).

Dabei sind Kleinstädte jedoch im Blick auf die in ihnen aufzufindenden Lebensverhältnisse ebenso wie hinsichtlich der darauf bezogenen und mit ihnen verbundenen Bilder in sich wesentlich vielgestaltiger, differenter und ambivalenter – und auch nicht als einheitliche Siedlungskategorie zu fassen: „Sie unterscheiden sich sowohl nach Größe, Einwohnerzahl, wirtschaftlicher Basis, landschaftlicher Umgebung, nach ihrer Geschichte, ihrer Bebauungsstruktur und architektonischen Gestalt sowie nach ihrer Lage in einem überwiegend agrarisch geprägten Gebiet oder in einem industriellen Ballungsgebiet. Hier durchdringen sich sowohl städtische als auch dörfliche Lebensbedingungen und -weisen, die eine besondere Charakteristik dieser Ortschaften bewirken.“ (Hannemann 2002: 270) Diese Vielgestaltigkeit und Ambivalenz an der Schnittstelle zwischen urbanen und ruralen Raum- und Sozialmustern zeigt sich auch im Verhältnis des Kleinstädtischen zu den Rahmenbedingungen der Moderne selbst. Die Kleinstadt war, so schreibt Bernd Hüppauf, „ein rückständiges Element und zugleich ein komplementärer Weg in die moderne Welt“ (Hüppauf 2005: 304) – wodurch gerade auch (die Imaginationen) kleinstädtische(r) Lebensverhältnisse das widersprüchliche Verhältnis des Menschen zur und in der Moderne spiegeln und reflektieren.

Demzufolge sind kleinstädtische Lebensverhältnisse und Sozialformen wesentlich geprägt von einer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die bereits im 19. und 20. Jahrhundert zu verzeichnen ist und ein Nebeneinander verschiedener Lebenswelten hervorruft (Zimmermann 2003); ein Nebeneinander, das sich nicht nur städtebaulich und architektonisch fassen lässt und zur „Überlagerung mehrere Zeitebenen“ (Hannemann 2002: 274) im kleinstädtischen Raum führt, sondern gerade auch den Bildervorrat und die literarischen Möglichkeiten prägt, in denen die Kleinstadt im sozial Imaginären erscheint. An der Kleinstadt lässt sich daher in besonderem Maße die „Brechung und Vielgestaltigkeit der historischen Prozesse ablesen“ (Zimmermann 1999: 5).

Insoweit als die Kleinstadt und das Kleinstädtische als besondere Form menschlicher Sozialverhältnisse zu verstehen ist, entwickelte sie eine – so zunächst nicht zu erwartende – Attraktivität für literarische und künstlerische Beschreibungen. Erscheint sie doch auch als einer der „paradigmatischen Orte der Ambivalenz“ (Hüppauf 2005: 311). Die Kleinstadt als Topos entwickelte eine eigene Zeit und einen eigenen Raum. Gerade in den verschiedenen (künstlerischen) Bezugnahmen – zwischen „Furchenglück und Sphärenflug“ (Glaser) – und erst recht in den vielen Zwischenstufen und Tönen, in denen das Bild kleiner Städte als Zwischengröße zwischen Dorf und (Groß-)Stadt erscheint, finden sich Reaktionsmuster, Verarbeitungsformen und Projektionen wieder, in denen Gesellschaften auf jene Abstraktions-, Mobilisierungs- und Verwertungsprozesse und -erfahrungen Bezug nehmen, die sich seit dem 19. Jh. unter dem Stichwort der ‚Moderne‘ fassen lassen und in Literatur, Film und anderen Künsten ihren Widerhall bzw. Ausdruck gefunden haben und auch noch weiterhin finden.

Angesichts einer ganzen Fülle von literarischen Texten und anderen künstlerischen Bearbeitungen ist durchaus bemerkenswert, dass die literarische Darstellung kleinstädtischer Lebenswelten im Unterschied zur Metropole (und auch gegenüber dem Dorf) bisher kaum Beachtung in den Literaturwissenschaften gefunden hat. Dies ist umso erstaunlicher, als die Kleinstadt – einerseits – gerade für die Gesellschaftsgeschichte der deutschen Lande (auch in ihrer Außenwahrnehmung) als außerordentlich charakteristisch gilt und auch der Kleinstädter/Kleinbürger/Spießer nicht nur zu den am meisten mit den Verhältnissen im Deutschland des 19. und frühen 20. Jhs. verbundenen Projektions- und Spielfiguren gehört, sondern der Vorwurf des „Provinziellen“ bis in die Gegenwart hinein immer wieder zu hören ist und mit der Vorstellung des Kleinstädtischen bebildert wird. In dieser Hinsicht stellt die Beschäftigung mit Kleinstadtliteratur nicht nur ein interessantes Repertoire lesens- und diskussionswürdiger Texte zur Verfügung, sondern vermittelt Einblicke in die Mentalitätengeschichte der deutschen (und anderer) Gesellschaften und eröffnet somit auch interkulturelle Perspektiven. Dementsprechend lang und umfangreich ist auch – andererseits – die Liste prominenter, vielgelesener und literarisch anspruchsvoller Werke sowohl in den deutschsprachigen als auch internationalen Literaturen, in denen die Kleinstadt bzw. das Kleinstädtische als „Modellfall für gesellschaftliche Entwicklungen“ (Nowak 2013: 95) erscheint – und zwar in den verschiedensten Formen und Genres vor dem Hintergrund unterschiedlicher und ungleichzeitiger historischer, sozialer, ökonomischer, technischer und kultureller Gegebenheiten und Kontexte: Wieland, Goethe, Jean Paul, Trollope, Dickens, Balzac, Flaubert, Keller, Raabe, Dostojewski, Tschechow, H. u. T. Mann, B. Schulz, H. Fallada, A. Seghers, U. Johnson, S. Anderson, J. Cheever, J. Updike oder S. Lenz sind nur einige bekannte literaturgeschichtliche Autoren, die sich dem Kleinstädtischen gewidmet haben und den Topos Kleinstadt zu einem zentralen Bezugspunkt in den internationalen Literaturen unter den Bedingungen der Moderne gemacht haben.

Die jeweiligen Kleinstadttexte sind dabei so divers wie die jeweiligen Siedlungsräume, sozialen Faktoren und historischen Hintergründe – und spielen vor allem in Zeiten des (gefühlten und erlebten, wahrgenommenen und imaginierten) Umbruchs eine entscheidende Rolle. In ihren vielfältigen Formen und Gestaltungen und insbesondere über den Umweg künstlerischer Verdichtung geben sie Aufschluss über zentrale Problem- und Fragstellungen moderner Lebenswelten. Literaturgeschichtlich finden sich in verschiedenen Genres paradigmatische Texte, die sich in diversen Abstufungen zwischen den beiden Polen des Kleinstadtlobs (z.B. Goethe: Hermann und Dorothea) und der Kleinstadtkritik (z.B. Wieland: Geschichte der Abderiten) bewegen und die kollektive Imagination des Kleinstädtischen bis heute – über verschlungene Umwege und Rezeptionsprozesse – prägen. Christoph Hein, Judith Schalansky, Ingo Schulze, Andrzej Stasiuk, Moritz von Uslar, Alice Munro, Andreas Maier oder Guntram Vesper sind auch nur einige bekannte Autoren, die sich gegenwärtig mit den historischen Entwicklungen und sozioökonomischen Problemen des Kleinstädtischen als spezifischer und prägender Raum individueller Biografien beschäftigen.

Auch sie thematisieren die sowohl soziologisch als auch siedlungsstrukturell und politisch wichtige Frage nach der Zukunftsfähigkeit des Kleinstädtischen im Zeitalter fortgeschrittener und weiter fortschreitender Urbanität und Urbanisierung. Allzu häufig wird diese Frage mit einem (aus der Sicht der Moderne zu erwartenden) Abgesang beantwortet. Allerdings stellt sich angesichts der Fülle an auch gegenwärtigen literarischen und filmischen Kleinstadtdarstellungen immer auch eine in die Gegenrichtung führende Frage: Ist die Kleinstadt – als mentaler oder imaginärer wie auch als realer und sozial zu gestaltender Raum – wirklich am Ende?

Die Tagung möchte in Auseinandersetzung mit sozialwissenschaftlichen und konzeptionellen Zugängen vor allem die literarischen Bezugnahmen und Entwürfe kleinstädtischer Lebenswelten im internationalen Vergleich thematisieren und reflektieren. Wie könnte eine Literaturgeschichte der Kleinstadt aussehen? Welche kanonischen Texte würden dazugehören; und welche blinden Flecken würde sie ggfs. aufweisen? Welche spezifischen (literarischen) Reaktionsmuster und Gestaltungsweisen haben sich vor dem Hintergrund historischer, sozialer, kultureller, technischer und ökonomischer Entwicklungen ausgebildet? Welchen Anteil haben dabei die künstlerischen Konzeptionen des Kleinstädtischen am Prozess kultureller Selbstkonzipierung und -vergewisserung? Welchen Status und welche Bedeutung hat die Kleinstadt innerhalb der Literatur- und Kulturgeschichte? Mit welchen literarischen Mitteln werden gegenläufige Bewegungen und Überschneidungen – die Kleinstadt in der Moderne vs. die Moderne in der Kleinstadt – beschrieben und erzeugt?
Diese und andere Fragen können anhand von beispielhaften und komparatistischen Einzeluntersuchungen und Gegenüberstellungen literarischer Werke thematisiert und diskutiert werden.

Wir bitten um Abstracts (max. eine Seite) für einen 20-minütigen Vortrag inkl. einer kurzen biografischen Notiz mitsamt Kontaktdaten bis zum 13.11.2016 per E-Mail an:

werner.nell@germanistik.uni-halle.de

marc.weiland@germanistik.uni-halle.de

Die Tagung findet im Rahmen des von der Volkswagenstiftung geförderten Forschungsprojektes „Experimentierfeld Dorf“ an der Martin-Luther-Universität in Halle statt (Infos unter: www.dorfatlas.uni-halle.de) und wird vom Institut für sozialpädagogische Forschung Mainz e.V. unterstützt. Die Reise- und Übernachtungskosten für Vortragende werden im Rahmen der üblichen Bestimmungen übernommen. Eine (zeitnahe) Publikation ist geplant.


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