Aus der Forschung: Ludwig Tiecks Bibliothek. Anatomie einer romantisch-komparatistischen Büchersammlung

Prof. Dr. Achim Hölter, Leiter der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität ist zugleich Projektleiter dieses FWF-Projekt, das im Oktober 2014 seine Arbeit aufnahm und in Kooperation mit zwei Dresdner Kollegen (Prof. Dr. Walter Schmitz,  Prof. Dr. Thomas Köhler) sowie mit der Österreichischen Nationalbibliothek realisiert wird:

Das Ziel dieses Projektes ist die virtuelle Rekonstruktion der berühmten Bibliothek (ca. 9000 Bände) des deutschen Romantikers Ludwig Tieck (1773-1853). Tiecks Büchersammlung – so die zentrale These – stellt eine wissenschaftliche Privat- und Dichterbibliothek dar, die in idealer Weise die Grundlage für Lese- und Schreibweisen verkörpert, die als genuin komparatistisch beschrieben werden müssen. Die Rekonstruktion und Würdigung dieser Bibliothek, die seltene, wertvolle Drucke von der Renaissance und dem Siglo de oro bis hin zu Tiecks Gegenwart enthielt und in einer Berliner Auktion 1849/50 verkauft wurde, stellt in der Erforschung der europäischen Romantik und dem systematischen Erfassen und Evaluieren protokomparatistischer Büchersammlungen eine Pionierarbeit dar. Da die Auflösungsgeschichte der „Bibliotheca Tieckiana“ äußerst komplex ist, besteht das Desiderat in einer Auflistung der kompletten Bibliothek nach modernen Standards der Katalogisierung, um alle Daten zu Tiecks Bücherkauf und -gebrauch festzuhalten und darüber hinaus alle Exemplare zu lokalisieren und zu untersuchen (nun hauptsächlich in Berlin, Breslau, Göttingen, Halle, Krakau, London, München, Wien, Wroclaw und wahrscheinlich in Lodz, St. Petersburg, Warschau; aber auch in Privatbesitz). Die Evaluation der Bedeutung von nach Wien verkauften Beständen für die K.K. Hofbibliothek stellt einen wichtigen Bereich des Projektes dar.

Die Informationen zu Tiecks Bibliothek werden in einer Netzdatenbank kombiniert und erweitert bereitgestellt. Die Ergebnisse werden in einer digitalen Datenbank aufbereitet und vorgestellt, die allein zu diesem Zweck mit Blick auf ihre besonderen Anforderungen hin entworfen wurde. Die Bearbeitung der Daten bzw. der Zugang zu diesen Daten wird nach den Prinzipien der Open-Access-Politik von Universität Wien und FWF erfolgen, die Tiefe und Qualität der Daten zusätzlich verbessern und die Grundlage für neue Fragestellungen schaffen. Suchroutinen stellen einen spezifischen und zusätzlichen Wert für das Verständnis von Tiecks Bibliotheken dar – gerade auch in Bezug auf die diachrone Dimension – da sie durch z. B. kombinierte Such-Parameter den Nutzen von Registern weit übertreffen. Da nicht bekannt ist, wie Tieck seine Bibliothek ordnete, wird es die Datenbank auch erlauben, verschiedene Klassifikationssysteme auf Tiecks Bücher anzuwenden. Zudem muss die internationale kontinuierliche und gleichzeitige Pflege der Datenbank möglich sein, um die Aufnahme neuer Informationen jederzeit möglich zu machen.

Obwohl eine Printausgabe ein langfristiges Ziel darstellt, ist die Datenbank die notwendige Voraussetzung für die nachhaltige Nutzung der Ergebnisse und qualifiziert das Projekt als „Treffpunkt“ der internationalen Gemeinschaft von Forschern, die sich mit Fragen zu Tieck, der Romantik oder den Anfängen der Komparatistik auseinandersetzen. Dank diesem Unternehmen wird eine der bedeutendsten Dichterbibliotheken der Literaturgeschichte zumindest virtuell restauriert werden und fortbestehen.

Ausführlichere Informationen wie etwa eine ausführliche Projektbeschreibung sowie eine Darstellung der Tieckschen Bibliotheksverkäufe findet man hier.

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