CFP: Mehrsprachigkeit / Polylinguisme / Polylinguism

Die Literaturzeitschrift der Universität Zürich „Variations“ ruft für Ihre Nummer 22, die im Dezember 2014 erscheinen wird, zur Einsendung von Abstracts zum Thema „Mehrsprachigkeit / Polylinguisme / Polylinguism“  auf.

„Das literarisch aktive Sprachbewußtsein findet immer und überall (in allen uns historisch zugänglichen literarischen Epochen) ‚Sprachen’ und nicht die Sprache vor.“ (Bachtin)
Für das Verständnis einer grundsätzlichen Mehrsprachigkeit literarischer Texte stellt Bachtins Konzept der Redevielfalt bis heute einen prägenden Ansatzpunkt dar. Mit ihm schreiben sich die Untersuchungen in die Geste eines Widersprechens ein, gegen „die Kategorie einer einheitlichen Sprache“, gegen „die Kräfte der Vereinheitlichung und Zentralisierung der verbal-ideologischen Welt“. Nicht zuletzt erweist sich Redevielfalt als produktives Element einer ins Positive gewendeten, sprachkritischen Literaturtheorie, folgt man der Vorstellung, dass sich im Verlauf der Nachkriegszeit die Literatur zunehmend als ein „glückliches Babel“ (Barthes) begreifen wird.
Literatur ist mehrsprachig. Doch wie? Dieser Frage, nach den Dimensionen des Pluralen, Heterogenen, Polyvalenten der literarischen Sprache, widmet sich die kommende Ausgabe der
komparatistisch-literaturwissenschaftlichen und selbst mehrsprachigen Zeitschrift Variations.
Die Mehrsprachigkeit bietet stets die Möglichkeit eines doppelten Eintritts ins Feld der Literatur. Zum einen betritt man die vielfältig ausgeprägten, historisch und sozial konnotierten Räume unterschiedlicher Formen von Sprachbewusstsein und Sprachpraktiken: National- und Kunstsprachen, Mundarten vs. Schriftsprachen, Regionaldialekte, Fach- oder Wissenschaftssprachen, länderspezifische Ausprägungen wie argot/verlan in Frankreich oder surzhyk in der Ukraine, Hybrid- oder Komponentensprachen wie das Jiddische – sie alle hinterlassen ihre spezifischen Spuren in den literarischen Texten. Dabei kann es sich um deutlich markierte Sprachwechsel und -verschiebungen handeln, aber auch um Formen subtiler bis subversiver Sprachdurchmischung als kulturelle Phänomene der Hybridität, Creolisation, Bricolage, Ambiguität, Transformation und ihrer Thematisierung und Reflektion.
Gleichzeitig markiert die Mehrsprachigkeit aber immer auch einen Ort der radikalen Sprach-Autonomie der literarischen Texte selbst. Bachtin spricht in diesem Zusammenhang von einer „immanenten Überwindung der Sprache in der Dichtung“. Im ästhetischen Objekt schließt sich Vielheit zu einer jeweils spezifischen Form der sprachlichen Einheit oder Einzigartigkeit zusammen. Literarische Mehrsprachigkeit bedeutet somit immer auch eine gesteigerte Aufmerksamkeit für ein Zusammenwirken der unterschiedlichen sprachlichen und poetischen Funktionen.  Rhetorische Figuren, metrische Äquivalenzen, gattungsbedingte Sprachmuster u.v.m. lassen sich als Möglichkeiten begreifen, die „immanente Dialogizität des Wortes“ zur Darstellung zu bringen und Redevielfalt poetisch umzusetzen.
Variations 22 soll sich mit dem Verhältnis der beiden Aspekte literarischer Mehrsprachigkeit auseinandersetzen und Beiträge versammeln, die das Spannungsfeld der verschiedenen Stoßrichtungen reflektieren und in einen Dialog setzen. Das Thema bietet sich an, anhand konkreter literarischer Texte aus diversen Forschungsperspektiven (Ästhetik, Sprachphilosophie, Kultur- und Literaturgeschichte, Linguistik u.a.) betrachtet zu werden. Angesichts der Ungleichzeitigkeiten in der Entwicklung der Mehrsprachigkeitsforschung wäre es zudem von Interesse, wenn der Umgang mit diesem Thema im jeweiligen Fachdiskurs berücksichtigt werden würde.

Abstracts (300–400 Wörter) sowie eine kurze Bio-Bibliographie können der Redaktion bis zum 30. November 2013 unter folgender Adresse eingereicht werden: variations@rom.uzh.ch. Wir publizieren Artikel in deutscher, englischer und französischer Sprache. Die Benachrichtigung über Annahme oder Ablehnung erfolgt im Dezember 2013. Die fertigen Artikel müssen der Redaktion bis spätestens 30. April 2014 vorliegen und dürfen 32’000 Zeichen nicht überschreiten.
Zudem besteht auch die Möglichkeit, nicht an das Thema gebundene Artikel, literarische Texte und künstlerische Beiträge wie z.B. Zeichnungen, Collagen oder Fotografien zu veröffentlichen.

Der ganze Call for Papers kann auch bei H-Germanistik nachgelesen oder hier in englischer, französischer oder deutscher Sprache als PDF-Datei heruntergeladen werden.

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